Weltjugendtreffen in Tschenstochau

"Unterwegs wurden wir eine echte Gemeinschaft"
160 Jugendliche aus dem Bistum pilgerten mit Polen nach Tschenstocha

 

 

 


Da liegen sie und sind zufrieden - wenn bloß die schmerzenden Füße nicht wären. Der eine sucht in seinem Rucksack nach einer Salbe, eine andere humpelt in Richtung Waschraum. Eben noch haben sie vor der Wallfahrtskirche gesungen und getanzt, haben eine Stimmung verbreitet, daß selbst die lautstarke Pilger-Gruppe aus New York still wurde und zuschaute. Nun liegen sie erschöpft auf Schlafsäcken und Luftmatratzen in der Turnhalle einer Technischen Hochschule. Der 16jährige Stefan Hupfinger drückt aus, was wohl alle in der Turnhalle denken: "Bis auf meine Füße fühle ich mich einfach super."

 

Fußkrank, aber glücklich sind 160 junge Pilger aus dem Bistum Hildesheim. In fünf Tagesetappen haben sie die 140 Kilometer von Sieradz bis Tschenstochau zurückgelegt, um am Weltjugendtreffen teilzunehmen. Internationale Begegnungen ganz besonderer Art haben die Wallfahrer aus Hildesheim schon auf dem Weg nach Tschenstochau gemacht. Vor dem Start waren sie in Sieradz bei polnischen Familien untergebracht und erlebten die polnische Gastfreundschaft. Der 16jährige Stefan Peter ist noch jetzt beeindruckt: "Die haben alles aufgetischt, was sie hatten und haben für uns sogar geschlachtet." Junge Polen haben die Deutschen auf ihrem Weg begleitet, unter ihnen der Kaplan Andrej Ujazdowski. Aus Deutschen und Polen, so sagt er, sei auf dem Weg eine echte Gemeinschaft geworden: "Es entstand Freundschaft, es wurde nicht mehr unterschieden zwischen Deutschen und Polen, nach dem Motto: Ich bin so einer, du bist so einer."

 

Die deutsch-polnischen Begegnungen haben auch Bischof Josef Homeyer beeindruckt, der zusammen mit den Jugendlichen nach Tschenstochau gepilgert ist: "Diese Begegnung war für mich überwältigend und hat alle meine Hoffnungen übertroffen. In aller Offenheit wurde die traurige deutsch-polnische Geschichte angesprochen und alle waren entschlossen, sich zu versöhnen und zum Aufbau eines neuen Europas beizutragen."

 

Ihren Bischof einmal hautnah zu erleben, auch das gehört zu den bleibenden Eindrücken des Weltjugendtreffens. Die 18jährige Sybille Kühn: "Der Bischof hatte offene Ohren für unsere Probleme und hat uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Es war einfach toll zu wissen, daß der Bischof dabei ist."

 

Mit ihrer Unterkunft haben die Hildesheimer Pilger Glück gehabt, liegt sie doch nur wenige Schritte vom "Hellen Berg" entfernt, dem Mittelpunkt des Weltjugendtreffens. Hier wird dem Papst ein begeisterter Empfang bereitet. Mit dabei die Hildesheimer Pilger, auch wenn die meisten in dem Riesenandrang nur einen kurzen Blick auf das Papamobil erhaschen können. Von der bisweilen überschwenglichen Papst-Begeisterung werden sie nicht erfaßt, lobende Worte aber finden auch sie.. "Ich finde den Papst einfach gut und bin meistens auch seiner Meinung. Er bringt seinen Glauben einfach gut rüber", meint der 17jährige Christoph Maluck. Weder "ganz schlecht" noch "ganz gut" findet die 18jährige Sybille Kühn den Papst und meint, daß viele seiner Verdienste zu wenig gewürdigt würden: "Der Papst hat eine Menge geleistet im Zusammenrücken von Ost und West. Das sollte man nicht vergessen, und wer weiß, wo wir heute ohne den Papst stünden".

 

Die jungen Wallfahrer sind zuversichtlich, daß mit dem Abschlußgottesdienst nicht alles vorbei ist. Viele, so Bischof Homeyer, hätten angesichts der erlebten Volksfrömmigkeit ein neues Verhältnis zu ihrer eigenen Frömmigkeit, zu Gebet und Gottesdienst gewonnen. Weiterer Gewinn sein das "Erleben vor Europa", das neue Impulse für den eigenen Lebensstil geben könne. Bischof Homeyer: "Das Weltjugendtreffen wird Folgen haben".

 

Einen sichtbaren, aber kurzfristigen Gewinn bringt Domkapitular Werner Holst mit nach Hildesheim: Sieben Tage an frischer Luft, sieben Tage Sonnenschein: Das ließ sich der Personalchef des Bistums, sonst zum schattigen Stubendasein verurteilt, nicht nehmen. Er begleitete die Wallfahrer und kehrt nun braungebrannt an seinen Schreibtisch zurück.



Thomas Steinforth

 

 

Stefan Peter hat vor allem die Gastfreundschaft der polnischen Gastfamilien in Sieradz beeindruckt: "Selbst in armen Verhältnissen haben die alles aufgetischt, was sie hatten und haben für uns sogar geschlachtet." Die polnischen Wallfahrer lobt Mario Stegmeyer: "Trotz der Sprachschwierigkeiten haben die uns alles erklärt und uns immer unterstützt. Diese Zusammengehörigkeit fand ich beeindruckend." Bischof Homeyer suchte das Gespräch - mit Erfolg, wie Sybille Kühn findet: "Der Bischof hatte offene Ohren für unsere Probleme und hat uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden. Es war einfach toll Zusammen mit Diözesan-Jugendseelsorger Wolfgang Voges organisierte Kaplan Andrej Ujazdowski die Fußwallfahrt. Er findet: "Wir sind wirklich eine Gemeinschaft geworden. Christus hat uns geeint." Christoph Mulack freut sich, die Strecke geschafft zu haben: "140 Kilometer Asphalt-Laufen - das geht auf die Füße, die Sehnen und die Knie. Wenn man die Strecke hinter sich hat, dann ist die Freude groß!"

Quelle: Archiv der KirchenZeitung, Jahresband 1991