Friedensgrund 2009 (Stična, Slowenien)


Viele von uns haben diese Reise begonnen, ohne genau zu wissen, worauf sie sich einlassen. Weite Reise, fremdes Land, neue Leute und zwei Wochen voller Überraschungen warteten dieses Jahr auf uns in Slowenien und darauf freuten wir uns schon. Jedoch kam der Name „Friedensgrund“ uns noch irgendwie fremd vor.

Vor einem Jahr, als ich noch in meiner Heimat Peru lebte, hatte ich nie daran gedacht, dass ein Projekt wie dieses möglich wäre: Junge Menschen aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und Sitten leben zwei Wochen in einem fremden Land miteinander, um u. a. zu zeigen, dass die Grenzen zwischen ihren Ländern keine große Bedeutung mehr haben. Doch es wurde wahr. Und obwohl ich auch nie damit gerechnet hatte, war ich mit dabei. Als peruanische Aupair in Deutschland bekam ich über das Jugendzentrum Tabor die Möglichkeit, dieses Jahr am Friedensgrund teilzunehmen. So schreibe ich diesen Bericht als Peruanerin, die als Mitglied der deutschen Gruppe beim Friedensgrund dabei war.

Am 18. Juli ging es los. Wir, die deutsche Gruppe, das Leitungsteam und die Litauer, die schon eine vierundzwanzigstündige Reise hinter sich hatten, nahmen am Samstagabend den Bus von Hildesheim nach Stična (Slowenien). Uns erwarteten 14 Stunden Fahrt, die wir nutzten, um uns erstmal vorzustellen und voneinander zu erzählen.

Die Zeit verging aber schneller als erwartet, denn – ohne es zu wissen – waren wir schon da. Die prächtige Natur von Stična hieß uns willkommen und vor uns war der Anblick eines bisher unbekannten Landes. Die Landschaft war einfach unglaublich: die Bäume, die Wiesen, lauter Berge um uns herum. Alles war wie von Gott für uns erschaffen. Die Freiheit dieser Art von Leben ließ sich fühlen – trotz der Mauer, die unser Camp umgab.

Und jedoch war es nicht alles, was uns erstaunte. Die für uns erschaffenen Dixi-Klos mit Spülung waren die Sensation im Camp und halfen uns an das Leben in Zelten zu gewönnen.

 

"Unser neues Zuhause"

Gleich danach fingen wir mit dem Aufbau der Zelte an, die nun für zwei Wochen unser Zuhause sein sollten. 22 Zelte sollten bis zum nächsten Tag aufgebaut werden (die Gemeinschaftszelte nicht mitgezählt). Das war vielleicht anstrengend! Die Sonne, die Hitze und unsere geringe Erfahrung im Zelte aufbauen waren keine große Hilfe dabei. Aber was man alleine nicht schafft, das schafft man dann ZUSAMMEN, und der Anblick unserer Zelte danach erfüllte uns mit Stolz.

Im Laufe des Tages kamen auch die anderen Gruppen, doch erst am Montag waren wir vollständig. Es ist komisch, sich an diese Tage zu erinnern. Überall erschienen neue Gesichter und wir hatten unsere ersten Eindrücke. Wer hätte gedacht, dass wir so gute Freunde werden würden? Am Abend trafen wir uns alle im Gemeinschaftszelt, um uns jeweils als Nation vorstellen zu können. Was für eine Überraschung, als wir merkten, wie viele wir waren! Ungefähr 100 Menschen füllten das Zelt.

Acht Nationen aus Mittel- und Osteuropa waren gekommen und eine nach der anderen führte etwas Spezielles auf der Bühne vor. An diesem Abend lernte ich mehr Sprachen kennen als je zuvor. Ich fühlte mich wie in einer Reise durch ganz Europa wegen so vieler verschiedener „Dankeschön“ auf polnisch, russisch, ungarisch, kroatisch, ukrainisch, litauisch und rumänisch, die ich mir nicht gleich merken konnte, es aber mittlerweile geschafft habe. Ich war glücklich und die Leute, die mit einem Lächeln im Gesicht neben mir saßen und das Spektakel genossen, schienen es ebenfalls zu sein.

 

„Wer bist du?“

Jetzt kannten wir uns oder zumindest wussten wir, woher wir kamen. Jedoch hatten wir noch keinen engen Kontakt zu den anderen gehabt. Das änderte  sich am nächsten Tag, als wir nach dem Frühstück in Internationale Gruppen eingeteilt wurden. Allein in unserer Gruppe kamen die ersten Herausforderungen: Englisch zu sprechen und sich die einzelnen Namen zu merken. Keiner von uns war ein Englisch-Experte, also benutzten  wir alle Sprachen und Methoden, die wir kannten, um uns unterhalten zu können. Jeder gab sein Bestes und zusammen schafften wir es, unserer Gruppe einen Namen zu geben, eine Flagge zu entwerfen und dazu eine tolle Präsentation vorzubereiten. Die Farben unserer Flaggen mischten sich während der Arbeit zu einer einzigen (sogar meine – für die anderen unbekannte – peruanische Flagge wurde gemalt) und was sich daraus ergab, ist unsere Freundschaft. Von der Präsentation am Abend habe ich nicht viel zu erzählen. Es war einfach WUNDERBAR. 

 

Die Enddeckung eines wunderschönen Landes

Schon am dritten Tag nach unserer Ankunft erfuhren wir ein bisschen mehr von Sloweniens Geschichte, was uns auf unseren ersten Ausflug nach Piran (Mittelmeer) vorbereiten sollte. Am nächsten Tag nach dem Mittagessen ging es los. Total aufgeregt fuhren wir fast zwei Stunden mit dem Bus und als wir dort ankamen, hatten wir neben den 34 Grad einen wunderschönen Ausblick auf das Mittelmeer. Einige entschieden sich zu baden, andere bevorzugten erstmal einen Spaziergang. Ich blieb am Meer (obwohl ich nicht schwimmen konnte) und genoss das lauwarme und salzige Wasser. Das Gefühl, zum ersten Mal am Mittelmeer zu sein, war unbeschreiblich. Wir beendeten diesen schönen Tag mit unserem täglichen Abendgebet am Meer und einem unvergesslichen Sonnenuntergang.

Am nächsten Tag ging es weiter. Auf einem nahegelegenen Hügel fanden wir uns zu den ersten Highland-Games des Friedensgrundes ein. In unseren Internationalen Gruppen mussten wir unterschiedliche Prüfungen bestehen, um den höchsten Preis der Highland Games zu gewinnen. Unser Teamwork konnte sich sehen lassen und jeder von uns gab sein Bestes.

Am Abend erhielt jede Gruppe einen leckeren Preis und stellte ihren Siegertanz auf der Bühne vor. Es war ein Abend voller Rhythmus, Spannung und viel, viel Spaß!

Am Samstag war der Ausflug nach Kobarit geplant, der Besuch eines Museums und eine Wanderung bis zu einem unglaublich schönen Wasserfall. Das schöne Wetter, das uns bis dahin begleitet hatte, sollte uns – so die Vorhersagen – an diesem Tag verlassen. Deswegen wurde uns empfohlen, Regenjacken und lange Hosen zu tragen. Was für ein Fehler! Die Hitze, die uns durch die Wanderung begleitete, war fast unerträglich. Aber was soll’s, nichts ist perfekt und da fast alle die Empfehlung befolgt hatten, mussten wir nicht allein leiden.

Doch wenn mir etwas im Gedächtnis geblieben ist, dann war es das Friedensgebet. Alle saßen auf der Treppe der großen Kirche, die wir besuchten, und beteten und sangen gemeinsam für die Versöhnung der Nationen in Europa. Dies taten wir an einem Ort, an dem an den 1. Weltkrieg und seiner Opfer gedacht wird. So sehr, wie sich damals die Nationen Europas bekämpften, so sehr führte uns die gemeinsame Zeit im diesjährigen Friedensgrund zusammen. Im Rahmen dieses Friedensgebets nahm sich jeder ein Kügelchen Weihrauch und während diese Kügelchen in Rauch und Geruch emporstieg, dachte jeder an die Menschen, mit denen er nicht gut klarkommt.

Den letzten Ausflug hatten wir am Mittwoch der zweiten Woche. Wir fuhren in die Hauptstadt Ljubljana und konnten für etwa drei Stunden die Stadt nach unserem Willen besichtigen. Wir versuchten natürlich alles zu sehen, was wir konnten, ein paar Geschenke zu kaufen oder etwas Leckeres zu probieren. Es hat sich gelohnt!!!     

 

„Was für ein Leben!“

Mittlerweile waren wir an den Tagesrhythmus gewöhnt. Wir standen meistens um 8:15 Uhr mit dem Klingeln der Glocke für das tägliche Morgengebet auf. Die müden und schläfrigen Gesichter ließen sich blicken und verwandelten sich kräftig und munter zum neuen Tag. Kurz danach das Frühstück, bei dem man gemeinsam den Lauf des Tages planen konnte und um 9 Uhr 30 fing unsere tägliche Arbeit an. Dieses Jahr bekamen wir die Aufgaben von den Zisterziensermönchen des Klosters:

Jede Internationale Gruppe musste u. a. die äußere Mauer des Klosters sauber machen, Kapellen renovieren, die Kirche von innen reinigen, im Garten des Klosters helfen und nebenbei auch unseren Platz sauber halten (Geschirr spülen, Müll aufräumen, Klos putzen). Einige Aufgaben waren anstrengender als andere, doch zu diesem Zeitpunkt wussten wir dass wir zusammen alles schaffen konnten. Wer nie Toiletten geputzt hatte, wurde erstmal mit Bürste und Spülmittel bekannt gemacht; wer nie Geschirr gespült hatte, musste es jetzt mit ungefähr 100 Teller, Tassen, Gabeln und Messern üben; wer zu klein war um die Ränder der Mauer zu putzen, dem wurde eine Leiter gebracht (oder er/sie wurde sogar getragen!!!), wenn einer zu schwach war, um die Bäume zu tragen, der machte es zu zweit.

Es gab keine Ausrede, alle mussten alles machen, alle WOLLTEN alles machen und es war immer jemand bereit zu helfen. Noch nie hatte ich so viel Spaß beim Arbeiten, noch nie hatte es mich so gefreut, so klein und schwach auszusehen denn so konnte ich allen zeigen, dass ich (klar, mit ein bisschen Hilfe) das auch schaffen konnte. Noch nie hatte ich so was erlebt. Die Ergebnisse waren es wert. Wir haben den Mönchen des Klosters eine große Freude bereitet und wir selbst lernten auch noch dazu.

Zu Mittag wurde immer pünktlich um 13 Uhr gegessen. Nichts wie ran an das leckere Essen, das uns die Klosterköchin zubereitete.

Am Nachmittag hatten wir immer neue Projekte, an denen wir arbeiten sollten. Manchmal hatten wir auch Ausflüge oder einfach mal Freizeit, um uns von der Arbeit auszuruhen und in der Nähe spazieren zu gehen. Was immer es auch war, es verging schnell.

Schon war es 19 Uhr, Zeit für das Abendessen. Doch als wir dachten, dass der Tag schon vorbei war, kamen die großen Abendveranstaltungen: die erste Vorstellung als Nation, die Siegerehrung der Highland Games, die Präsentationen unserer Projekte, der slowenische Abend sowie die Disco Night. All dies fand zu dieser Zeit statt. Und erst um 22 Uhr 30 kam das tägliche Abendgebet. Zwischen Liedern  und Texten aus der Heiligen Bibel verabschiedeten wir den Tag, jeder auf seine Art, jeder in seiner eigenen Sprache, aber mit demselben Glauben. Und ich nahm auch daran teil. Auch ich las die Bibel auf Spanisch und obwohl diese Sprache für die meisten fremd war, freuten sie sich, es zu hören – und ich erst! Niemand wusste, wie wichtig es für mich war, die Bibelstellen in meiner Heimatsprache zu lesen und wie aufgeregt ich war, nach so langer Zeit ein spanisches Lied in der Kirche zu hören. Die guten alten Erinnerungen mischten sich mit den neuen und auf einmal fühlte ich mich nicht mehr fremd, ich war wieder zu Hause.

Auch wenn wir nicht dieselbe Sprache hatten, so verstanden wir uns doch zu jeder Zeit. Eine besondere Form der Verständigung war der Gesang, waren die Lieder. Vor allem die belarussische, litauerische und die rumänische Gruppen sangen mit Vorliebe. Für mich selbst war es fabelhaft, als ich mit einigen Leuten ein spanisches Lied vorsingen konnte.
Als biblischer Leitfaden für die Gebete und Gottesdienste diente uns die Beziehung zwischen Gott und Mose im Buch Exodus.

Unser Tag begann und endete mit Gott und das Besondere dabei war, dass wir unseren Glauben und Begeisterung mit anderen teilen konnten, die dasselbe fühlten wie wir.

Eine der letzten Nächte im Camp sollte noch einmal sehr besonders werden. Doch bis dahin hatten wir nicht viel davon erfahren; es nannte sich „Nacht der Versöhnung“. Man sollte sich selbst in Stille wiederfinden und die Fragen und Sorgen, die wir in unserer Seele trugen, frei zu lassen. Ob es alle so berührt hat wie mich? – Da bin ich mir ziemlich sicher.

 

Der Abschied

Der Abschied fiel uns sehr schwer, vor allem für diejenigen, die zum ersten Mal bei dieser Reise teilgenommen hatten. Die Frage, ob wir uns jemals wieder sehen, lag in der Luft und die Hoffnung, die Freundschaften zu behalten, war groß.
Der letzte Tag fing mit viel Arbeit an. Wir bauten zusammen alle Zelte ab und fingen an, unsere Sachen zu packen. Alles verging so schnell, dass wir schon vor dem Mittagessen den Blick auf das leere Feld hatten.

Das letzte gemeinsame Treffen war ein Gebet. Ohne Zelt, nicht mal auf Bänken wie sonst und die Sachen schon in die Busse gepackt, trafen wir uns in der Mitte unseres Zeltplatzes. Die letzten drei Lieder wurden gesungen, der letzte Anblick der neuen Freunde und vor allem ein ungewöhnliches Auf Wiedersehen: Mit einem Kreuzzeichen auf die Stirn gaben wir uns gegenseitig den Segen und wünschten uns das Beste im Leben. Aber nicht nur das.

Viele Wörter, die ganz tief im Herz verborgen waren, kamen heraus und die Tränen in den Augen waren nur Zeichen unserer unbeschreiblichen Freude, das alles erlebt zu haben.

Rosy Magallanes
Fabian Boungard