Friedensgrund 2008 (Pidkamin‘, Ukraine)

 

Bereits zum 18. Mal in Folge trafen sich auch diesen Sommer 120 Jugendliche aus Mittel- und Osteuropa, um zwei Wochen in einem Zeltlager zusammen zu leben, zu beten, zu arbeiten und um auf internationaler Ebene Gemeinschaft zu erfahren. Ziel war der kleine Ort Pidkamin‘ im Nordwesten der Ukraine, ca. 140 km östlich von Lemberg entfernt.

Gruppe der Orthodoxen

Am Abend des 1. August stürzten wir uns, die Teilnehmer der deutschen Gruppe und das Leitungsteam, in das Abenteuer Friedensgrund – Ukraine. Im Gegensatz zu den Maltesern, die alljährlich für die Unterkunft und Verpflegung während des Projekts ehrenamtlich tätig sind und 30 Stunden an der polnisch-ukrainischen Grenze festsaßen, konnten wir diese innerhalb von zwei angespannten Stunden passieren.

Nach 24 Stunden Fahrt freuten wir uns trotz Müdigkeit von neuen und bereits bekannten Gesichtern der unterschiedlichen Nationen begrüßt zu werden. Die folgenden zwei Wochen verbrachten wir auf dem Gelände eines alten Klosters der griechisch-katholischen Studiten-Mönche, das heute zum Teil noch als psychiatrische Einrichtung dient.

 

Internationale Kommunikation

Internationale Kleingruppe

Aus den teilnehmenden Nationen - Polen, Ungarn, Weißrussland, Litauen, Rumänien, Bosnien und Herzegowina, Deutschland und der Ukraine - wurden zu Beginn internationale Kleingruppen gebildet. Den ersten Tag verbrachten wir in den Kleingruppen, um uns kennenzulernen. In diesen Kleingruppen bewältigten wir in den folgenden Tagen einige Aufgaben, wie z.B. das traditionelle Stadtspiel, das Vorbereiten eines Gebetes oder die Arbeitsprojekte.

Im Friedensgrund sollen die Nationen ins Gespräch kommen. Und so wurde ein Nachmittag dafür genutzt, sich über Wissen, Unwissen, die aktuelle Situation, aber auch über Probleme der einzelnen Länder auszutauschen. Die Litauer sprachen mit den Ungarn, die Ukrainer mit den Bosniern und die Deutschen mit den Weißrussen. Die Gespräche waren sehr fruchtbar und viele alte Vorurteile wurden beiseite gelegt.

 

Arbeitsprojekt

Eine alte sowjetische Werkstatt ...

Das Kloster, welches im Zweiten Weltkrieg schwer zerstört wurde, bot viele Möglichkeiten Hand anzulegen. So haben wir einen Geräteschuppen aus sowjetischer Zeit abgerissen und gleichzeitig versucht das Baumaterial zu erhalten. Des Weiteren wurde die Hauptkirche von Schutt, wie Metall, Steinen und unbrauchbarem Holz befreit. Um dieses schnell zu bewältigen, bildeten die Kleingruppen Ketten, um den Schutt nach draußen zu transportieren. Nach zwei Wochen Arbeit konnte sich das Ergebnis sehen lassen: Der Schuppen war abgerissen und die Kirche weitestgehend leer geräumt.

...wurde mit viel Mühe abgerissen.

Die Atmosphäre beim Arbeiten war gut, doch wie jedes Jahr mussten die Mädchen die osteuropäischen Jungen davon überzeugen, dass Mädchen für „Männerarbeit“ genauso geeignet sind wie Jungs. Die Stimmung wurde auch nicht getrübt, als wir die letzten drei Tage so gut wie kein Wasser hatten und nach dem Arbeiten ohne Dusche auskommen mussten. Dies sind Erfahrungen, die man mit nach Hause nimmt und dort das fließend saubere Wasser ganz neu zu schätzen lernt.

 

Ausflüge

Mutterkloster Univ

Neben den Arbeitsprojekten gab es genügend Freizeit um das „Gastgeber-Land“ kennenzulernen. Wir besuchten das Mutterkloster Univ und wurden von einem Mönch bei einer kurzen Führung in die Geschichte des Klosters eingeführt. Des Weiteren fand in der nächst größeren Stadt Brody das Stadtspiel statt, bei dem es darum ging sich mit kleinen Aufgaben und Fragen innerhalb des Zentrums umzuschauen. Wir wurden mit den sehr ärmlichen Verhältnissen konfrontiert und für viele war dies ein neuer und erschreckender Eindruck, den es erst einmal zu verarbeiten galt. Denn obwohl die Aufmachung des Stadtkerns mit einem großen Brunnen und einem schönen angelegten Park mit Blumenbeeten beeindruckt, sind immer noch die Spuren der Sowjetunion unübersehbar: die heruntergekommenen, grauen Gebäude und Straßen zeigen die ärmlichen Verhältnisse.

Dom in Lemberg

An unserem arbeitsfreien Wochenende machten wir uns auf nach L’viv (Lemberg) und bekamen dort von ukrainischen Friedensgrundteilnehmern die Stadt gezeigt. Neben unendlich vielen Bräuten (es war „Hochzeitszeit“) wurden wir so mit der Geschichte der Stadt vertraut. Anschließend hatten wir noch genügend Freizeit, um uns auf eigene Faust durch die Mengen von L’viv zu wagen. Ob über den Markt bummeln oder einfach gemütlich in einem Café sitzen und die ukrainischen Speisen zu genießen; wir alle nutzten die gebotenen Möglichkeiten, um uns zu erholen und den Ausflug aus dem Camp-Alltag zu genießen. Zum Abschluss des Ausflugs besuchten wir abends eine griechisch-katholische Liturgie und wurden danach im Priesterseminar zu einem köstlichen Abendessen eingeladen. 

Der Felsen, nach dem das Dorf Pidkamin’ benannt ist

Am Sonntag besuchten wir Pochajiv, ca. 1 Stunde von Pidkamin’ entfernt, ein russisch-orthodoxes Kloster. Die Frauen mussten sich mit Rock und Kopftuch bekleiden, während die Männer langärmelige Kleidung trugen. Ausgerechnet an diesem Tag regnete es in Strömen. Während der Führung durch die Klostermauern konnten es selbst Kopftuch, Regenjacke und Schirm nicht schaffen, uns trocken zu halten, so dass die drei Stunden Aufenthalt zu einer echten Geduldsprobe wurden. Doch abgesehen vom Wetter waren die verschiedenen Kirchen auf dem Gelände beeindruckend groß und die Menschen kamen in Massen von Nah und Fern, um zu beten und an der Liturgie teilzunehmen.

Wer trotz der Nässe noch motiviert war, hatte die Möglichkeit weiter nach Ternopil zu fahren. Hier war die Stadt durch den Tourismus sehr belebt und bot neben verschiedenen Kirchen und einem großen See viele Attraktionen.

 

Gäste

Als Vertreter des Bistums Hildesheims besuchte Adolf Pohner, Domkapitular, für drei Tage den Friedensgrund und nahm sowohl an den Workshops als auch an den Arbeitsprojekten engagiert teil. Er konnte sich vor Ort von der Spiritualität und Gemeinschaft überzeugen.

Außerdem begrüßte uns der griechisch-katholische Metropolit Lubomir Huzar von Kiev. Er ist das Oberhaupt der orthodoxen Christen. Er freute sich über die große Anzahl von Jugendlichen, erzählte uns von seiner Begeisterung für den Friedensgrund und wie wichtig ihm Begegnungen dieser Art sind.

Der ukrainische Abend wurde von den ukrainischen Friedensgrundteilnehmern vorbereitet, die uns mit etwas Hilfe von außerhalb ein grandioses Buffet mit traditionellen Speisen und Getränken vorbereiteten. Zahlreiche Dorfbewohner waren unserer Einladung gefolgt und am Abend erschienen. Nach dem Essen präsentierte eine Band ukrainische Musik und eine Tanzgruppe brachte uns traditionelle Tänze bei. Mit einem gemeinsamen Gebet endete dieser Abend, der bei uns und sicher auch bei den Dorfbewohnern noch lange in Erinnerung bleiben wird.

 

Liturgisches

Kirchenzelt bei Nacht der Versöhnung

Neben den Morgen- und Abendgebeten sowie den Liturgien stand auch die traditionelle Nacht der Versöhnung auf dem Programm. Versöhnung ist der Grundgedanke des Friedensgrunds und so gab es zum Thema „Seine Maske ablegen und das wahre Ich entdecken“ verschiedene Angebote, z.B. konnten wir einen Gipsabdruck unseres Gesichtes machen, Kerzen dekorieren, in Stille beten oder auch die Beichte ablegen. 

 

Feiern und der Abschied

Doch auch das Feiern sollte nicht zu kurz kommen. Nach gut einer Woche stand die erste Party an. Mit viel Musik und Tanz wurde bis spät in die Nacht gefeiert und die Lieblingslieder der verschiedenen Nationen kennen gelernt.

Präsentation der ungarischen Gruppe

Schon in der zweiten Woche wurde deutlich, dass man sich bald wieder verabschieden muss. Am letzen Abend vor dem Abbau stand wie jedes Jahr das Fest der Nationen an. Jede Nation überlegte sich ein kurzes Programm: Spiele, Sketche, eine Modenschau oder Tänze aus der Heimat. Und auch das Leitungsteam ließ es sich nicht nehmen und zeigte sich als Musicaldarsteller mit eigens komponierten Texten zu den Liedern von Abba von ihrer besten Seite.

Abschied nehmen hieß es auch in diesem Jahr besonders für Christian Göbel, Bischöflich Beauftragter für den Friedensgrund, der nun den Chefposten an Martin Marahrens abgibt. An dieser Stelle sei Christian Göbel noch einmal herzlich für seine zwölf Jahre Friedensgrund gedankt, die er durch seinen Einsatz unvergesslich gemacht hat!

Zeltdorf

Und so ging nach einer langen Nacht auch dieser Friedensgrund zu Ende. Am nächsten Tag war Abbauen angesagt: Sämtliche Zelte, Duschanlagen und Bänke mussten auf den Maltester-Lkw geladen werden. Trotz schwüler Hitze und großer Müdigkeit war am Abend alles verpackt und es stand die letzte Nacht im Kloster oder unter freiem Himmel an.

Am nächsten Morgen verabschiedeten sich alle. Glücklich über neue Freundschaften und traurig, nicht mehr Zeit miteinander verbringen zu können, gingen wir auseinander. Alle versprachen sich regen E-Mail Kontakt und hoffen, sich im nächsten Jahr in Slowenien wieder zu sehen!

Merle Loges, Martha Smit