Friedensgrund 2006

(Guca Gora, Bosnien-Herzegowina)

 

Friedensspuren in einem zerstörten Land
Wege der Versöhnung in Bosnien und Herzegowina

 

 

Versöhnung - seit jeher der Kernbegriff eines jeden Friedensgrundes. Versöhnung zwischen den Völkern in Europa, Versöhnung zwischen den Konfessionen und Religionen, Versöhnung zwischen Mensch und Gott. In diesem Jahr kam ihm darüber hinaus eine weitere, sehr spezielle Bedeutung zu - der Friedensgrund war zu Gast in einem Land, dessen Bürger auch elf Jahre nach dem Krieg noch tagtäglich um Versöhnung ringen. Nach dem "ganz anderen" Friedensgrund 2005 in Marienrode und Köln, der von Anfang bis Ende durch den Weltjugendtag geprägt worden war, würde es in diesem Jahr wohl wieder ein "ganz normaler" Friedensgrund werden - so zumindest die Annahme der meisten Teilnehmer. Doch genau diese Erwartung sollte als einzige vollends enttäuscht werden.

 

Denn was könnte in Bosnien und Herzegowina schon "normal" sein? EIN Land mit ZWEI Teilrepubliken und DREI verschiedenen Nationen und Religionen, die seit einem Jahrzehnt versuchen, wieder in Frieden zusammenzuleben. Gemäß dem Friedensvertrag von Dayton, der 1995 den Bosnien-Krieg offiziell beendete und die Neuordnung des Landes regelte, besteht Bosnien und Herzegowina heute aus der sog. "Republika Srpska", einem mehrheitlich von orthodoxen Serben besiedelten Teil, und der "Föderation Bosnien und Herzegowina", deren zehn Kantone jeweils entweder mehrheitlich von Muslimen oder von katholischen Kroaten bewohnt werden.

 

Multireligiöse Gesellschaft

 

 

Wie problematisch der Begriff "mehrheitlich" jedoch zu handhaben ist, zeigte sich den Gästen aus Deutschland, Polen, Ungarn, Belarus, Rumänien, Kroatien, Litauen und der Ukraine schon früh. So ist das mittelbosnische Dorf Guca Gora, in dem die Malteser aus Hildesheim und Arad (Rumänien) auf Einladung der Erzdiözese Sarajewo in diesem Jahr das Friedensgrund-Camp errichteten, in erster Linie kroatisch geprägt und beherbergt eine franziskanische Klosterkirche in seinem Zentrum. Dennoch fehlt eine kleine Moschee am Rande des Dorfes nicht. In der nahegelegenen 80.000-Einwohner-Stadt Travnik ist das Stadtbild von Moscheen und Minaretten dominiert, doch auch Schüler aus Guca Gora besuchen hier ein katholisches Gymnasium und serbische Polizeiautos mit kyrillischer Aufschrift patrouillieren in der Stadt neben ihren muslimischen und kroatischen Kollegen (die Zusammenführung zu einer einzigen Polizeieinheit scheint zu den schwierigeren Aufgaben des Nachkriegs-Bosnien zu gehören).

 

Die bosnischen Teilnehmer am Friedensgrund, wie auch alle anderen Bosnier mit denen wir innerhalb der knappen zwei Wochen ins Gespräch kommen konnten, machten immer wieder deutlich: Nichts wünschen Sie sich mehr, als die Gräueltaten, welche sich die drei Nationen während des Krieges gegenseitig angetan haben, zu vergessen und zu einem versöhnten Miteinander zu finden. Dem entgegen stehen jedoch bei allen drei Volksgruppen ein starker individueller Nationalstolz und ein immer noch großes gegenseitiges Misstrauen, sodass man ein Wir-Gefühl der Menschen als Bosnier nur sehr selten und sehr vage aufblitzen sieht.

 

Hoffnung auf eine friedliche Zukunft

 

Bosnien und Herzegowina ist ein Land der Kontraste, und das nicht nur hinsichtlich des Versöhnungsprozesses: Es begeistert durch eine wunderschöne und faszinierende Landschaft und Natur, die wir auf mehreren Ausflügen kennen lernten. Vielerorts zeugen Neu- und Wiederaufbau der Häuser von einer friedvolleren Zukunft, in die das Land strebt. Gleichzeitig machen jedoch die ebenso zahlreichen Häuser, die immer noch zerstört und verlassen dastehen, betroffen und ratlos. Und ein spontanes Auftauchen einer dreiköpfigen Einheit der EUFOR-Schutztruppe auf dem Friedensgrundgelände bot zwar die Möglichkeit zu interessanten Unterhaltungen, machte allerdings auch darauf aufmerksam, dass Bosnien augenscheinlich immer noch nicht ohne ausländische Militärpräsenz auskommt. Das fließende Deutsch schließlich, mit dem vielerorts vor allem Jugendliche glänzen, beeindruckt und beängstigt zugleich. Es zeigt, wie viele Einheimische während des Krieges auch nach Deutschland fliehen mussten.

 

 

Unsere eigenen Eindrücke und Erfahrungen hinsichtlich dieses ungewöhnlichen Landes wurden durch eine fachkundige "Einführung in die Geschichte und Situation Bosniens" durch drei der einheimischen Organisatoren abgerundet. Auch Bischof em. Dr. Josef Homeyer, der stellvertretend für Bischof Norbert Trelle am Friedensgrund teilnahm, konnte hierzu einiges erzählen. Er war zuvor bereits eine Woche durch Bosnien gereist.

 

Neben Außergewöhnlichem gab es aber auch Altbewährtes beim diesjährigen Friedensgrund - stets jedoch von dem Gefühl begleitet, dass diesmal irgendwie alles ein bisschen anders und besonders war. Zusammengefasst handelte es sich um die traditionelle Verbindung von "Ora et labora ... and fun" (wie es ein ukrainischer Teilnehmer formulierte), also eine gesunde Mischung aus Gebet, Arbeit und diversen Unternehmungen.

 

Ora

Die täglichen Morgen- und Abendgebete im Kirchenzelt, jeweils von einer der neun internationalen Kleingruppen vorbereitet, führten diesmal thematisch an den Seligpreisungen der Bergpredigt entlang. Bischof Homeyer bezeichnete sie im Eröffnungsgottesdienst als einziges tragfähiges Fundament eines geeinten Europas. Es gab mehrere römisch-katholische Messen, die von Priestern aus verschiedenen Teilnehmerländern in ihrer jeweiligen Muttersprache im Kirchenzelt zelebriert wurden. Außerdem nahm die Friedensgrundgemeinde an einer Sonntagsmesse in der Klosterkirche von Guca Gora, einer von der ukrainischen Gruppe vorbereiteten griechisch-katholischen Liturgie, einer serbisch-orthodoxen Liturgie in Banja Luka und einer Messe mit Kardinal Vinko Puljic in Sarajewo teil. Eröffnungs- und Abschlussmesse im Kirchenzelt standen zudem unter bischöflichem Beistand: Das eine Mal war Bischof Homeyer dabei, das andere Mal der litauische Bischof Eugenius, dessen Visiten beim Friedensgrund bereits zur liebgewonnenen Tradition geworden sind.

 

Labora

 

An sechs Tagen wurde je vormittags in den internationalen Kleingruppen gearbeitet. Alle Teilnehmer zeigten sich begeistert von der Vielzahl und Vielseitigkeit der diesjährigen Arbeitsprojekte. Jeder Tag war eine neue Herausforderung. So galt es unter anderem ein Stück Mauer einzureißen und als Einfahrt zur Klosterwiese (dem Ort unseres Camps) nutzbar zu machen, eine Plantage alter Pflaumenbäume zu fällen und zwei Regenwasserkanalisationen im Dorf zu graben. Außerdem haben wir einen Berghang vom "Dschungel" befreit, Anstreicharbeiten am Kloster verrichtet und Friedhofsgräber wieder hergerichtet, die seit dem Krieg von den Angehörigen verlassen daliegen. Aufgrund der Nähe des Camps zum Dorf und der vielfachen Arbeitseinsätze entwickelte sich zwischen

Friedensgründlern und Dorfbewohnern eine ganz besondere Beziehung. Die Menschen von Guca Gora reagierten äußerst positiv auf die engagierten Kleingruppen und dankten ihnen die harte Arbeit mit Einladungen auf Kaffee und Kekse, spontanen Verpflegungslieferungen und einem atemberaubenden "Bosnischen Abend", zu dem annähernd das ganze Dorf im Camp erschien. An jenem Abend verzauberten sie die Teilnehmer mit Folkloretanz, traditionellen Speisen und dem Auftritt einer Jugendband. Darüber hinaus war die Dorfjugend schon nach Kurzem Dauergast auf dem Friedensgrundgelände und beteiligte sich fleißig an den Arbeitsprojekten. Und natürlich durfte auch ein gemeinsamer Fußballnachmittag nicht fehlen.

 

Fun

 

Schließlich bot das Rahmenprogramm des Friedensgrundes eine Menge "Fun", aber auch ernste Momente. Verschiedene Abendpräsentationen der Nationengruppen behandelten das diesjährige Leitthema "Freiheit". Außerdem diskutierten Kardinal Vinko Puljic und der serbisch-orthodoxe Metropolit Nikolaj von Sarajewo, die unser Camp besuchten, sowie Bischof Josef Homeyer bei einer Podiumsdiskussion mit anschließendem ökumenischen Gebet zu diesem Thema.

 

Ausflüge führten die Friedensgrundgemeinschaft auf eine Bergwanderung zur alten Königsstadt Bobovac, nach Sarajewo und nach Banja Luka, der Hauptstadt der serbischen Teilrepublik. In Sarajewo stand unter anderem ein schweigsam durchgeführter "Gang der Versöhnung" auf dem Programm. Dieser führte uns zu Gedenkstätten der beiden Weltkriege (z.B. zu der Brücke, auf welcher der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand einem Attentat zum Opfer fiel, das den Ersten Weltkrieg auslöste) und des Bosnienkriegs. Auch die wichtigsten Gebetsstätten der verschiedenen Religionsgemeinschaften wurden besucht. Dazu gehörte auch eine Moschee. Auf dem Rückweg aus Banja Luca konnten wir in einem bosnischen Bergsee schwimmen gehen. Und bei einem Stadtspiel in Travnik sowie Diskos im Gemeinschaftszelt wurde "Fun" dann noch einmal ganz groß geschrieben.

 

 

Am Ende des diesjährigen Friedensgrundes waren alle Teilnehmer überzeugt: Durch ihr gemeinsames Gebet und ihre Arbeit haben sie einen wichtigen Beitrag zur Versöhnung zwischen ihren Völkern, aber auch zur Versöhnung der Menschen in Bosnien geleistet. Einige bosnische Teilnehmer und Organisatoren planen, ein ähnlich konzipiertes Projekt auf nationaler Ebene mit kroatischen, serbischen und vielleicht auch muslimischen Jugendlichen durchzuführen. Die Gebete aller anderen Teilnehmer werden sie begleiten.

 

Für 2007 kündigte Pfarrer Christian Göbel, Bischöflicher Beauftragter für den Friedensgrund, Ungarn als nächstes Gastgeberland an. Und schon jetzt ist bei vielen der diesjährigen Teilnehmer die Vorfreude auf den nächsten Friedensgrund groß. Angesichts der noch ungewissen weiteren Zukunft wird diese Vorfreude allerdings von der bangen Hoffnung begleitet, es möge nicht der letzte sein.

Sebastian Salaske

Weitere Infos: www.friedensgrund.vze.com (von bosnischer Seite eingerichtet, mehrsprachig)