Friedensgrund 2004 (Stary Sacz)


15 Jahre Friedensgrund - Arbeiten für eine friedliche Zukunft Europas
oder:
Friedensgrund goes Teenager

"Wenn ich Euch so anschaue, ist mir um die Zukunft Europas nicht bange!" Mit diesem Ausspruch fasste Bischof Dr. Josef Homeyer das zusammen, was die aus 10 Nationen Mittel- und Osteuropas stammenden TeilnehmerInnen des diesjährigen Friedensgrundes im Camp-Alltag ganz deutlich spürten und was uns jeden Tag aufs Neue beeindruckte: Eine sehr offene und freundliche Atmosphäre sowie der z. T. tiefgehende Austausch über Politik, Kultur, Religion und Geschichte, ehrliches Interesse und Respekt gegenüber dem anderen und die Bereitschaft zur Versöhnung. Wir alle merkten immer wieder, dass Jesus Christus im Friedensgrund unter uns lebendig war - nicht nur im Kirchenzelt, sondern überall.

 

 

Etwa 180 Jugendliche und junge Erwachsene verbrachten gemeinsam mit Bischof Josef Homeyer 12 Tage in Stary Sacz, gelegen in der Diözese Tarnow im Südosten Polens. Eine langjährige Freundschaft verbindet die Diözesen Tarnow und Hildesheim, so dass Bischof Josef dieses Ziel mit viel Herzblut für seinen letzten Friedensgrund als Diözesanbischof ausgewählt hatte. Neben Bischof Wiktor von Tarnow stattete auch Bischof Eugenius aus dem litauischen Siauliai dem Friedensgrund einen Besuch ab. Selbstverständlich wurden sowohl der 75. Geburtstag von Bischof Josef als auch der 15. Geburtstag des Friedensgrundes gebührend gefeiert: Die Malteser aus Hildesheim und Arad/Rumänien hatten leckeren Kuchen gebacken und von den Teilnehmenden gab es für den Bischof 15 Flaschen Wein sowie ein Buch mit einem Rückblick auf 15 Jahre Friedensgrund, verbunden mit persönlichen Glückwünschen und der Verleihung der Ehrendoktorwürde für Gemeinschaft, Versöhnung und Frieden in Europa.

 

Die diesjährige Friedensgrund-Zeltstadt - von den Maltesern errichtet und betreut - grenzte direkt an das Gelände, auf dem die Fürstin und Karmeliterin Kinga (deutsch: Kunigunde) am 16. Juni 1999 von Papst Johannes Paul II. heilig gesprochen worden war. Der für diesen Zweck errichtete Papstaltar steht noch immer und ist inzwischen Ziel vieler Pilger. Deshalb entsteht an diesem Ort ein Pilgerzentrum. Der Friedensgrund trug mit seinem Arbeitsprojekt zur Weiterentwicklung des Geländes bei. An sieben Arbeitstagen huben die international zusammengesetzten Arbeitsgruppen zunächst Erdreich aus und legten anschließend die Fundamente für 20 kleine Kapellen - eine Kapelle für jedes Rosenkranzgeheimnis. Nicht nur durch dieses Arbeitsprojekt haben wir in den Tagen des Friedensgrundes erfahren, welch zentrale Rolle Maria für die Gläubigen in Polen spielt. Eine weitere Aufgabe bestand darin, die hügelige Rasenfläche vor dem Papstaltar einzuebnen. Beide Teilprojekte sind durch den engagierten Einsatz aller Friedensgründler sowie der Organisatoren vor Ort sehr gut gelungen.

 

 

Nach dem benediktinischen Motto Ora et Labora war der Tag im Friedensgrund zudem wieder geprägt von Gebetszeiten und Liturgien. Das Kirchenzelt als spirituelles Zentrum des Friedensgrundes war von den Teilnehmenden mit viel Kreativität und Liebe zum Detail eingerichtet worden. Die Morgen- und Nachtgebete gestalteten die Friedensgründler in den internationalen Kleingruppen überwiegend selbständig. Thematisch stand das "Vater unser" im Mittelpunkt - das Gebet, das die Friedensgründler seit vielen Jahren an jedem Freitag Abend im gegenseitigen Gedenken beten. Darüber hinaus feierten die Teilnehmenden regelmäßig gemeinsam Gottesdienst. Im katholischen Polen waren das zwar vorwiegend römisch-katholische Gottesdienste, aber die Friedensgründler zeigten sich auch gerade vom byzantinischen Ritus der griechisch-katholischen und orthodoxen Liturgie beeindruckt, in dem mit vielen symbolischen Handlungen und Gesängen gefeiert wird, dass das Göttliche zu den Menschen kommt. Einer der spirituellen Höhepunkte des Friedensgrundes war die Nacht der Versöhnung, die den Teilnehmenden Stille und Raum gab, über sich selbst, ihr Verhältnis zu den Mitmenschen und ihre Beziehung zu Gott nachzudenken. Das Kirchenzelt erstrahlte in warmem Kerzenlicht und im Gemeinschaftszelt konnten bei meditativer Musik Mandalas gemalt oder Kerzen gestaltet werden. Zudem konnten die Friedensgründler im Beichtgespräch und im abschließenden Gebet am Kreuz ihr Leben und ihre Gedanken vor Gott bringen. Wie alle Nachtgebete klang auch die Nacht der Versöhnung mit mehrsprachigen und -stimmigen Taizégesängen ganz langsam aus.

 

Der Friedensgrund war in diesem Jahr aber auch sehr politisch: Nach der EU-Osterweiterung am 1. Mai 2004 stand das Thema EU im Mittelpunkt verschiedener Diskussionen und Vorträge. Die Teilnehmenden aus den neu beigetretenen Nationen (z. B. Polen und Litauen) stellten ihre Eindrücke aus drei Monaten EU-Mitgliedschaft sehr anschaulich dar. Ebenso erfuhren die Friedensgründler, dass Staaten wie Kroatien, Bosnien-Herzegowina oder Rumänien, die noch auf ihren Beitritt warten, nicht nur positiv in Richtung EU blicken. Mindestens so groß wie die Hoffnungen, die mit dem EU-Beitritt verknüpft werden, ist die Angst, die eigene Kultur, die nationale Identität und auch den derzeit hohen Stellenwert der Religion in der Gesellschaft zugunsten einheitlicher EU-Standards und westlichem Kapitalismus opfern zu müssen. In seiner Eigenschaft als Präsident der Europäischen Bischofskonferenz (ComECE) informierte Bischof Josef zudem mit viel Enthusiasmus über die aktuellen Entwicklungen in der EU sowie über die Rolle der Kirchen in Europa - Politik, wie sie den Friedensgründlern richtig Spaß machte. Ein Kernthema war die vor kurzem erarbeitete europäische Verfassung. Obwohl die Präambel keinen Gottesbezug enthält, betonte Bischof Josef, dass die Verfassung deutlich christlich geprägt sei und auf jeden Fall ratifiziert werden sollte. "Einheit in der Vielfalt" muss zum europäischen Motto werden - politisch, kulturell und auch religiös. Zudem stellte er die Aufgabe der Christen in Europa heraus: "Wenn nicht wir Christen uns für Versöhnung in Europa einsetzen, wer dann?"

 

Aufgrund der deutsch-polnischen Geschichte stand natürlich auch die Versöhnung ganz stark im Mittelpunkt des diesjährigen Friedensgrundes. Einander Zukunft zusprechen und die Würde des anderen anerkennen, das versteht Bischof Josef unter Versöhnung. Eine sehr wichtige Erfahrung war in dieser Hinsicht der gemeinsame Besuch aller Friedensgründler im ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz. Martin Tenge, Diözesanjugendseelsorger und Leiter des diesjährigen Friedensgrundes, machte darauf aufmerksam, dass der erste Friedensgrund in Bergen-Belsen stattfand und Auschwitz damit auch mit als Auslöser für den Friedensgrund betrachtet werden kann. Nach der z. T. sehr bedrückenden Führung über das Lagergelände machten uns Deutschen insbesondere die polnischen Teilnehmenden sehr viel Mut: Sie betonten, dass die junge polnische Generation keinerlei Hass gegenüber den Deutschen verspürt und uns keine Vorwürfe macht, sondern aus der Vergangenheit lernen und mit uns in eine gemeinsame Zukunft gehen möchte.

 

Höhepunkt des Freizeitprogramms war neben einem Ausflug nach Krakau eine Bootsfahrt in den Beskiden entlang der polnisch-slowakischen Grenze. Die EU-lympics schweißten die internationalen Gruppen durch kreative Aufgabenstellungen zusammen und bei der Zeltdisko oder am Lagerfeuer konnten auch über die Gruppengrenzen hinaus Kontakte geknüpft und wichtige Eindrücke von den kulturellen Schätzen der anderen Nationen gesammelt werden. Der polnische Abend stellte noch einmal die beeindruckende Gastfreundschaft der Polen unter Beweis: Einige Teilnehmende hatten mit viel Ausdauer und Begeisterung ein landestypisches Drei-Gänge-Menü für alle gezaubert, das im rot-weiß dekorierten Gemeinschaftszelt eingenommen wurde. Anschließend wurden wir in die polnische Pilgertradition eingewiesen und konnten uns an einheimischer Folklore erfreuen - oder auch selbst mittanzen. Ein wirklich gelungener Abend!

 

Was bleibt von diesem Friedensgrund? Christoph, 20 Jahre und erstmals beim Friedensgrund dabei, drückt es stellvertretend für alle anderen so aus: "Der Friedensgrund ist das großartigste Jugendprojekt, das ich bisher erleben durfte. Ich werde viele Erfahrungen aus diesen Tagen mitnehmen und zu Hause zukünftig z. B. viel offener mit Menschen anderer Nationen umgehen. Durch das gegenseitige Kennenlernen entsteht wirklich Frieden, denn nur Unwissenheit führt zu Hass und Krieg." Kontakte nach Weißrussland, in die Ukraine, nach Serbien, Kroatien oder Polen werden vorwiegend per eMail gepflegt, vielleicht besucht man sich sogar oder trifft sich wieder beim nächsten Friedensgrund, der anlässlich des Weltjugendtags in Köln im August nächsten Jahres übrigens wieder in Deutschland stattfinden wird.

 

Das Friedensgrund-Leitungsteam rund um den Diözesanjugendseelsorger Martin Tenge geht sogar noch weiter: Sie stellten in diesem Jahr eine ausgeprägte Leichtigkeit des Friedensgrundes und ein hohes Verantwortungsbewusstsein unter den Teilnehmenden fest. Gerade in den letzten Jahren konnte der Friedensgrund immer wieder sehr viele neue Teilnehmende begrüßen - gerade deshalb ist es erstaunlich, dass man praktisch spüren konnte, wie sich die Idee des Friedensgrundes über die letzten 15 Jahre hinweg gefestigt hat. Es wird ganz deutlich, wie sehr die Friedensgründler von den Erfahrungen dieser zwei Wochen geprägt werden, wieviel sie von ihren Erlebnissen berichten und andere dadurch begeistern können. Die Frage, welche Impulse der Friedensgrund für die Öffnung des kirchlichen Lebens über Bistums-, Nationen-, Kultur- und Konfessionsgrenzen geben kann, wollen die Verantwortlichen in den nächsten Wochen und Monaten in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen und weiteren Planungen stellen. Man darf also gespannt sein, wozu sich der Friedensgrund als Teenager und junger Erwachsener in den nächsten Jahren noch entwickeln wird.

Sylvia Hochmuth