Friedensgrund 2002

Sanarotsch / Weißrussland

Unter dem sternenklaren Himmel Weißrusslands sitzen Jugendliche um ein Lagerfeuer. Deutsche, Litauer, Weißrussen, Rumänen - im flackernden Schein der Flammen nicht zu unterscheiden. Einige singen gemeinsam zur Gitarre. Das Lied klingt durch die Nacht, hinaus auf den See: "Bukim draugai, likim kartu - Lasst uns Freunde sein und zusammen bleiben..."

Hier am Narotschsee haben sich Jugendliche aus neun Nationen und sechs Konfessionen versammelt, um zwei Wochen lang zusammen in einem Zeltlager mit dem Namen "Friedensgrund" zu leben, zu arbeiten und zu beten: Ungarn und Rumänen, Kroaten, Serben und Bosnier, Litauer, Ukrainer und Weißrussen sowie Deutsche aus Niedersachsen und Mecklenburg. Versorgt werden sie dabei von Freiwilligen des Malteser Hilfsdienstes aus Deutschland und Rumänien.


Ans Werk!

Am Morgen erläutert der Hildesheimer Diözesan-Jugendseelsorger Martin Tenge das Arbeitsprojekt: Das Außengelände der neu errichteten orthodoxen Kirche von Sanarotsch soll hergerichtet werden. Dazu müssen eine Treppe gebaut, ein Zaun aufgestellt und ein Kiesweg angelegt werden. Wenig später sieht man rund um die Kirche Jugendliche Löcher graben, Beton rühren oder Schubkarren mit Kies durch die Gegend schieben. Mittendrin schaufelt ein schwitzender Bischof Josef in Arbeitskleidung. "Lebenselixier" sei das für ihn, so hat er es einmal ausgedrückt.


Das Arbeitsprojekt beinhaltet auch eine ökologische Komponente: Am Strand einer nahe gelegenen Siedlung harken Jugendliche die üppig wuchernden Algen aus dem Wasser.

Lagerleben

Das Lager liegt nur knapp hundert Meter vom See entfernt. Nach getaner Arbeit können die Jugendlichen baden oder einfach nur in der Sonne liegen und sich erholen. An einem Nachmittag wird eine Lagerolympiade veranstaltet, den Temperaturen entsprechend mit viel Wasser, an anderen Nachmittagen werden Workshops zu Themen wie "Situation von Jugendlichen in Osteuropa" und "Folgen des Krieges in Kroatien" angeboten. Die Ergebnisse werden dann am Abend präsentiert.


Hier ist immer was los: Der zentrale Platz.

Zum "weißrussischen Abend" reichen die Gastgeber das Nationalgericht Kalduny (Kartoffeltaschen mit Fleischfüllung) und haben sogar eine traditionelle Folkloregruppe organisiert, deren mitreißende Musik Lagerbewohner und Dorfbevölkerung zu spontanen Tänzen animiert.


Spätestens nach der Lagerdisko bahnen sich Beziehungen über Nationengrenzen an. Deutsch-litauische, litauisch-kroatische und kroatisch-serbische Pärchen beweisen, dass hier Völkerverständigung ernst genommen wurde.

Spiritualität

Spirituelles Zentrum des Lagers ist das Kirchenzelt. Hier finden nicht nur die Morgen- und Abendgebete statt, sondern auch Gottesdienste in den unterschiedlichen Riten der vertretenen Konfessionen.


Chatyn - der Friedhof der Dörfer

Am Wochenende brechen die Jugendlichen zu einem Ausflug in die Gedenkstätte Chatyn auf. Chatyn war eines von über 600 Dörfern, die von der deutschen Wehrmacht im 2. Weltkrieg mitsamt den Einwohnern niedergebrannt wurden. Nach dem Krieg wurde es nicht wieder aufgebaut, sondern stellvertretend für die anderen Dörfer als Gedenkstätte hergerichtet. Der Birkenwald gibt den Blick auf eine Lichtung frei. Nur die Fundamente der Häuser sind angedeutet. In den symbolischen Schornsteinen hängen Glocken, die alle 30 Sekunden schlagen. Aus allen zerstörten Dörfern wurden Urnen mit Erde nach Chatyn gebracht, wo sie nun an deren Namen erinnern sollen. Das Ausmaß der Vernichtung ist schwer zu begreifen: Eine litauische Teilnehmerin: "Ich hatte gedacht, dass es hier nur um ein einziges Dorf ginge..."

Am 20.3.1943 war Chatyn von einer Kompanie des berüchtigten "SS-Sonderbataillons Dirlewanger", das vorwiegend aus auf Probe entlassenen Gewaltverbrechern sowie osteuropäischen Kollaborateuren bestand, umstellt worden. Die Anklage lautete auf Unterstützung von Partisanen. 186 Alte, Frauen und Kinder wurden in eine Scheune getrieben, die dann angezündet wurde - um Munition zu sparen.


Diese Statue wurde vom Dorfschmied Josef Kaminski angefertigt, dem einzigen erwachsenen Überlebenden des Massakers. Sie zeigt ihn, wie er die Leiche seines 14-jährigen Sohnes Adam trägt. 

In Chatyn steht auch eine lange Betonmauer mit Nischen, von denen jede ein Gefangenenlager symbolisiert. Das bedeutendste war Maly Trostenez, viertgrößtes Vernichtungslager der Nazis. Hier wurden hauptsächlich Juden ermordet (etwa 206.000). Eine kleinere Nische steht für ein jüdisches Waisenhaus. Oft legen Besucher Äpfel oder Bonbons hinein. Mitleidige Weißrussen hatten die arisch aussehenden Kinder bei sich versteckt und als ihre eigenen ausgegeben. Ihre Namen stehen heute in der "Allee der Gerechten unter den Völkern" in Israel. Die übrigen 50 Kinder wurden als Blutspender für deutsche Soldaten ausgebeutet und starben schließlich. Insgesamt kamen in Weißrussland während des 2. Weltkriegs 2.230.000 Menschen ums Leben, das entspricht einem Viertel der damaligen Bevölkerung.

Tags darauf stoßen die Friedensgründler auf deutsche Soldatenfriedhöfe aus den beiden Weltkriegen. Sie sind gut gepflegt. Ivan aus Kroatien findet es sinnvoll, die Erinnerung an das damalige Leid auf diese Weise wach zu halten: "Der nächste Krieg beginnt, sobald man den vorigen vergisst."

Natürlich darf auch ein Besuch in der weißrussischen Hauptstadt Minsk nicht fehlen.

Minsk - eine Stadt der Gegensätze

Nur wenige Schritte vom westlichen Konsumtempel McDonald's entfernt erhebt sich über einer Metro-Station ein überdimensionales Wandgemälde mit Hammer und Sichel. Für eine osteuropäische Großstadt ist Minsk ungewöhnlich sauber. Doch der erste Eindruck kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich das Land in einer wirtschaftlichen Krise befindet. Auffallend ist beispielsweise, dass nicht nur das Universal-Kaufhaus GUM, sondern auch kleinere Läden verhältnismäßig viele Angestellte beschäftigen - eine Form verdeckter Arbeitslosigkeit. Das Durchschnittseinkommen beträgt gerade mal 100 US-Dollar pro Jahr. "Ich arbeite zehn Stunden am Tag als Sekretärin, aber das Geld reicht nur mit Unterstützung meiner Eltern", sagt ein Mädchen aus Minsk. Familienstrukturen sind sehr wichtig, um in Weißrussland über die Runden zu kommen.

Ein Student aus Minsk führt uns durch das Museum des "Großen Vaterländischen Krieges" - so nennt man hier den 2. Weltkrieg. Um das zu verstehen, muss man sich daran erinnern, dass die Sowjetunion den Krieg, wenn auch unter großen Opfern, letztlich doch gewonnen hat. Diese kollektive Anstrengung hat das zwangsunierte Staatengebilde zusammengeschweißt. Das Museum nähert sich dem Thema auf eine sehr personifizierte Weise: Portraitfotos und persönliche Gegenstände bringen einem die Schicksale nahe, die hinter den Zahlen stehen.

Perspektiven nach Tschernobyl
Am 26. April 1986 explodierte ein Kernreaktor im ukrainischen Tschernobyl, nahe der weißrussischen Grenze. Infolge der damals vorherrschenden Windrichtung gingen 70% der radioaktiven Niederschläge auf weißrussischem Gebiet nieder und verseuchten ein Fünftel des Landes. Gesundheitlich besonders betroffen waren bzw. sind Kinder wegen ihres hohen Milchkonsums, denn Milch ist besonders stark mit radioaktivem Cäsium-137 verseucht. 
"Dieses Thema wird noch in 100 Jahren aktuell sein", sagt Frau Sawitsch aus dem weißrussischen Umweltministerium. "Tiere, Pflanzen und der Boden sind verseucht." Was ihr Ministerium tun könne? "Wir erzählen den Menschen, wie sie sich verhalten sollen, um sich zu schützen. Von der Schule gelangt das Wissen dann über die Kinder zu den Eltern." Ironie des Schicksals: Die Katastrophe hat Weißrussland zur Öffnung gen Westen gezwungen. Die Weißrussen sehen in den Deutschen nicht mehr die Faschisten, sondern die Helfer. "Ich kenne Deutschland, war als Soldat bei Magdeburg stationiert", strahlt ein weißrussischer Arbeiter. "Pünktlichkeit und Genauigkeit - eure Nationaleigenschaften!"

Eine der westlichen Hilfsorganisationen ist "Heimstatt Tschernobyl": Im Nachbardorf Druschnaja haben Freiwillige aus Deutschland Energiesparhäuser gebaut, um Familien aus den verstrahlten Gebieten eine neue Heimat zu geben. Versorgt wird das Dorf von zwei eigens erbauten Windkraftwerken, den ersten auf weißrussischem Boden. "Bei der Anreise habe ich Windräder gesehen", sagt Frau Sawitsch. "Das ist eine umweltfreundliche und gefahrenfreie Lösung für die Zukunft."

Abreise

Vom ganzen Lager bleibt nur eine leere Wiese zurück. Aber die Anwesenheit der Friedensgrund-Jugendlichen hat Spuren hinterlassen, nicht nur in Form von Inschriften im Beton der Treppe, sondern vor allem in den Herzen der Menschen. Durch viele Gespräche sind Freundschaften entstanden. Weißrussland ist kein unbekanntes Land mehr, es hat ein Gesicht bekommen. Die jungen Deutschen kehren in dem Bewusstsein zurück, dass Europa nicht hinter Polen endet. In den kommenden Wochen und Monaten werden viele Briefe und E-Mails hin- und hergehen - und vielleicht gibt es ein Wiedersehen im nächsten Friedensgrund.

Bernd Kappenberg