Friedensgrund 2001

 in Jugoslawien
(Kloster Kovilj bei Novi Sad, Vojvodina, Serbien)

Der orthodoxe Mönch, der kurz hinter der jugoslawischen Grenze in den Reisebus steigt, wirkt mit seinem wallenden schwarzen Gewand und dem langen Bart zunächst doch etwas einschüchternd. Aber als er plötzlich die Gitarre auspackt und "Bolle reiste jüngst zu Pfingsten" anstimmt, ist das Eis gebrochen. "Willkommen im Urwald!", begrüßt Pater Andreas die deutschen Besucher und bietet sich als Reiseleiter durch das den meisten unbekannte und vielleicht auch unheimliche Land an.

Der Mönch mit der Klampfe: Pater Andreas in Aktion
24 Jugendliche aus dem Bistum Hildesheim sind zum diesjährigen Friedensgrund nach Jugoslawien, in die Vojvodina gereist. Zusammen mit jungen Serben, Kroaten, Bosniern, Bulgaren, Rumänen, Ungarn, Tschechen, Weißrussen, Litauern und Ukrainern werden sie hier in den nächsten zwei Wochen leben, beten. und arbeiten. "Serbische Jugendliche hatten in den letzten Jahren aus finanziellen und politischen Gründen so gut wie keine Möglichkeit, Westeuropa zu besuchen", sagt Pater Andreas. "Deshalb ist euer Besuch so wichtig."


An einem Storchennest auf einem knorrigen, abgestorbenen Baum am Ende des Dorfes Kovilj biegt der Bus rumpelnd in einen Feldweg ein. Auf einer Wiese hinter dem Kloster haben Freiwillige des Malteser Hilfsdienstes aus Deutschland und Rumänien bereits eine komplette Zeltstadt mit Küche, Toiletten und Duschen aufgebaut. Als die deutschen Jugendlichen aus dem Bus klettern, werden sie mit großem Hallo von den anderen Gruppen begrüßt, denn viele der Teilnehmenden kennen sich schon aus vergangenen Friedensgründen
Das Kloster
Das Erzengelkloster von Kovilj war während der Zeit des Kommunismus verlassen und wurde erst vor einigen Jahren von einer Gruppe junger serbisch-orthodoxer Mönche aus Belgrad wieder besiedelt. Seitdem hat es sich zum spirituellen Zentrum der gesamten Region entwickelt und beherbergt heute unter anderem eine Ikonenmalschule.

Ein Mönch beim Malen einer Ikone
Maschen-Draht-Zaun...
Am nächsten Morgen erläutert Diözesan-Jugendseelsorger Martin Tenge die anstehende Arbeit: Zum Kloster gehört ein kleines Waldstück, das aber von den Dorfbewohnern lange Zeit als wilde Müllkippe zweckentfremdet worden ist. Dieses Wäldchen soll von Abfällen befreit und mit einem 1 km langen Zaun umgeben werden, für den im Abstand von 2 Metern Pfostenlöcher gegraben werden müssen.


Schaufeln in der serbischen Sommersonne...
Alle packen mit an - auch Bischof Josef. In der glühenden Hitze Jugoslawiens gräbt er zusammen mit einem jungen Ukrainer ohne Pause Loch um Loch.

Ein Land auf dem Weg aus der Isolation
Am Nachmittag des folgenden Tages machen die Friedensgrund-Jugendlichen einen Ausflug in die nahe gelegene Provinzhauptstadt. Im Zentrum von Novi Sad herrscht entspannte Normalität: Bei strahlendem Sonnenschein flanieren die Menschen durch die Fußgängerzone oder tätigen ihre Einkäufe. "Ich habe mir das ganz anders vorgestellt: alles voller Ruinen und überall Soldaten", sagt Milda aus Litauen. Ihre Eltern wollten sie beinahe nicht mitfahren lassen. Jetzt künden nur noch die Reste einer zerstörten Donaubrücke von den NATO-Angriffen auf Jugoslawien vor zwei Jahren, und die antiwestlichen Propagandapostkarten, die in einigen Läden noch zu finden sind, haben schon fast historischen Wert.

Dennoch sind die Ereignisse von damals nicht vergessen. Rufe werden laut, warum nicht die demokratische Opposition unterstützt wurde, anstatt die Bevölkerung durch Bombardements und Sanktionen letztlich auf Milosevics Seite zu bringen. Bei aller Tragik kommt aber auch eine Portion serbischen Selbstmitleids ins Spiel. Angesichts eingeäscherter kroatischer Städte wie Vukovar ein paar zerstörte Brücken zu bejammern, erscheint zynisch. Freilich: Zivilisierter werden die NATO-Angriffe dadurch auch nicht.

Bischof Josef war während der Bombenangriffe in Belgrad, was ihm von jugoslawischer Seite hoch angerechnet wird. Seine Botschaft lautete: Solidarität mit dem Volk ja - aber der Diktator muss bekämpft werden.


Die meisten Serben sind sehr geschichtsverhaftet. Das zeigt sich symptomatisch in einer abendlichen Diskussionsrunde: Die erbetene fünfminütige Vorstellung der Bischöfe artet jeweils in einen halbstündigen Exkurs über die Geschichte des Bistums und Serbiens im Allgemeinen aus. Da die geschichtliche Wahrheit aber erfahrungsgemäß sehr individuell interpretiert wird, ist für den gesamten Balkan ein Neuanfang die einzige Chance. Vielleicht haben die serbischen Jugendlichen das besser erkannt, denn sie entschuldigen sich bei den anwesenden Kroaten und Bosniern für das im Krieg erlittene Unrecht, wofür sie mit spontanem Applaus belohnt werden.

 

Kirchen auf dem Weg zueinander
Auch im Hinblick auf die Orthodoxie gilt es Missverständnisse auszuräumen: Der Begriff "Ökumene" beispielsweise ist in der orthodoxen Welt immer noch ein Schimpfwort und wird als römisch-katholischer Versuch gedeutet, die Christen der Ostkirchen zu missionieren. Bischof Josef Homeyer und seine Mitarbeitenden müssen da einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Doch auch die tägliche Wirklichkeit des Friedensgrundes spricht für sich: Jede der sieben anwesenden Konfessionen (römisch- bzw. griechisch-katholisch, serbisch-, ukrainisch-, russisch-, bulgarisch- und rumänisch-orthodox) zelebriert die Heilige Messe in ihrem eigenen Ritus. Das Ziel lautet "Einheit in versöhnter Verschiedenheit".


Gottesdienst im Kirchenzelt

 

Prominenz
Mit insgesamt 200 Teilnehmenden aus 11 Nationen ist dieser Friedensgrund der bisher größte und politisch gesehen auch der bedeutendste. Geistliche und weltliche Würdenträger geben sich im Lager die Klinke oder besser gesagt die Zeltplane in die Hand. Neben mehreren Bischöfen kommen z.B. der jugoslawische Religionsminister und der Bürgermeister von Novi Sad, der anhand seines eigenen Stammbaums das Vielvölkergemisch der Vojvodina illustriert. Bischof Josef Homeyer, als Vorsitzender des Rates der europäischen Bischofskonferenzen (ComECE) sozusagen der katholische Außenminister Westeuropas, reist seinerseits nach Belgrad, um den serbischen Ministerpräsidenten Djindjic und den jugoslawischen Staatspräsidenten Kostunica zu treffen. Letzterer zeigt sich überraschend gut informiert und unterstreicht mehrmals die Bedeutung des Friedensgrundes.

 

 

KulTour
Für das Wochenende steht eine Exkursion auf dem Programm, zunächst zur Grabkirche der Nemaniden-Dynastie. Aktueller Bezug: Die 1945 von den Kommunisten verbannte Königsfamilie ist vor wenigen Tagen nach Belgrad zurückgekehrt. Jugoslawien als Monarchie? Sicherlich nicht die schlechteste Lösung, meinen einige Serben. Im benachbarten Bulgarien hat der ebenfalls wiedergekehrte König einfach eine Partei gegründet - und die Wahl gewonnen.


Orthodoxe Messe in der Nemaniden-Grabkirche

 

Weiter geht es in die jugoslawische Hauptstadt. Belgrad - eine Stadt, die den Grauschleier aus der Zeit des Kommunismus noch nicht ganz abgelegt hat. Hier sind die Kriegszerstörungen augenfälliger: das Kriegsministerium, die chinesische Botschaft, Fernseh- und Radiosender. Es hat Tote gegeben. Vielleicht tun sich die Menschen hier deshalb schwerer damit, die Fehler der Vergangenheit einzusehen. "Sloba ist ein Held", hat jemand in kyrillischen Lettern auf die Rückseite eines Busses gesprüht. Wenige Tage vorher ist der jugoslawische Ex-Diktator Slobodan Milosevic an das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag ausgeliefert worden. Nun steht den westlichen Finanzhilfen, nichts mehr im Wege. Die hat das Land bitter nötig: Milosevic und seine Getreuen haben das durch jahrzehntelange kommunistische Misswirtschaft geschwächte Land ausgesaugt, Sanktionen und NATO-Bomben haben der Infrastruktur den Rest gegeben. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, viele Jugendliche wandern ins Ausland ab. Wirtschaftliche Stabilität für Jugoslawien bedeutet Stabilität für den gesamten Balkan. Kroatien und Slowenien streben bereits eine EU-Mitgliedschaft an, Serbien und Montenegro sowie die übrigen Balkanstaaten werden ihnen sicherlich eines Tages folgen. 

Die kriegerische Geschichte Serbiens - letzter Außenposten des Christentums gegenüber dem Osmanischen Reich - ist in jeder Kirche präsent: Überall findet sich ein Märtyrer, der für seinen Glauben und/oder die Freiheit des Landes sein Leben gelassen hat. Beim Anblick eines Kronleuchters, der ganz aus Patronenhülsen gefertigt ist, müssen die deutschen Besucher dann aber doch schlucken

 

Nächste Station ist Kragujevac, wo ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte aufgeschlagen wird. Nach dem deutschen Überfall 1941 galt im besetzten Jugoslawien der Befehl, für einen getöteten deutschen Soldaten hundert (!!!) Zivilisten umzubringen. Als dann bei einem Partisanen-Anschlag 23 deutsche Soldaten ums Leben kamen, wurden 2300 Einwohner von Kragujevac ermordet, darunter der gesamte fünfte Schuljahrgang. Ein Mahnmal in Form einer römischen 5 erinnert an das Massaker, teilweise sind Gesichter in den Beton gemeißelt. Bischof Homeyer und die Jugendlichen legen Kränze nieder und beten für die Opfer.

 

Lagerleben
Die Atmosphäre im Lager ist von Harmonie geprägt: Gleich am ersten Abend singen Jugendliche aus verschiedenen Ländern gemeinsam zur Gitarre. Manchmal prallen die Kulturen allerdings auch aufeinander, beispielsweise beim WC-Putzdienst. "Das ist Frauenarbeit!" meint Eusebiu aus Rumänien entrüstet. Milda lässt nicht locker: "You used it - you clean it!" Widerwillig schleppt er schließlich wenigstens die Wassereimer in Richtung Toilettenhäuschen.


Neben der Hitze machen den Jugendlichen in den folgenden Tagen vor allem die Moskitoschwärme zu schaffen, die am Abend regelmäßig das Lager überfallen. Die mitgebrachten Mückenschutzmittel nutzen da wenig bis gar nichts. Erst als man auf einheimische Produkte umsteigt, zeigt sich eine gewisse Wirkung. Schließlich wird sogar die "chemische Keule" eingesetzt - ohne großen Erfolg. Da hilft es nur, sich dick einzupacken und die ungeschützten Hautpartien einzusprühen.

Viel zu schnell naht die Zeit des Abschieds. Pfarrer Christian Göbel, Leiter des Friedensgrundes, und Diözesan-Jugendseelsorger Martin Tenge ziehen Bilanz: Über 500 Pfostenlöcher haben die Jugendlichen in sengender Hitze und strömendem Regen ausgehoben. Insgesamt 50 Kubikmeter Erde haben sie dafür bewegt, außerdem fünf Autowracks aus dem Unterholz gezerrt und Dutzende von Müllsäcken gefüllt.

Doch wieder daheim angekommen, sind die Anstrengungen und Widrigkeiten schnell vergessen. Was bleibt, ist das Gefühl, persönlich dazu beigetragen zu haben, Europa dem Frieden ein Stück näher zu bringen.

Bernd Kappenberg