Friedensgrund 2000

 in Hildesheim

Dichte Staubschwaden ziehen durch den Schweinestall des Klosters. Der ohrenbetäubende Lärm des Pressluftbohrers setzt für einen Moment aus, während eine Gestalt mit einem vor das Gesicht gebundenen Tuch die Schubkarre voller Schutt ergreift und sie polternd in Richtung Ausgang schiebt.

 

Draußen sind Jugendliche damit beschäftigt, in mühevoller Handarbeit ein 250 Jahre altes Straßenpflaster freizulegen. Andere kämpfen sich durch das Unkraut im Klostergarten. Insgesamt 130 junge Menschen aus 8 Nationen renovieren zwei Wochen lang das Benediktinerinnenkloster Marienrode, gemäß der Regel des heiligen Benedikt „ora et labora – bete und arbeite“. Inmitten der Jugendlichen schuftet auch Dr. Josef Homeyer, der Bischof von Hildesheim. Zum zehnten Mal lädt er junge Menschen aus ganz Europa zum gegenseitigen Kennenlernen ein. Im „Friedensgrund“ nutzen Kroaten und Serben, Katholiken und Orthodoxe die Gelegenheit, um in Arbeit, Gebet und Gespräch Vorurteile abzubauen.


Zitat: “Wer unseren Bischof nur mit Mitra und Stab kennt, der kennt ihn nicht!”


Wie alles begann

 

Auf einem internationalen Zeltlager in Bergen-Belsen im Sommer 1990 entstand die Idee, jährlich einen "Friedensgrund" durchzuführen. Dabei sollten gerade in Ost- und Mitteleuropa Länder besucht werden, die unter der nationalsozialistischen Besatzung gelitten haben. Die Jugend des Bistums Hildesheim und an ihrer Spitze Bischof Dr. Josef Homeyer will mit dieser Aktion um Verzeihung für die Untaten von Deutschen im 2. Weltkrieg bitten und gleichzeitig die neu gewonnenen politischen Möglichkeiten nutzen, um aktiv am Aufbau des neuen Europa mitzuwirken. Ziel ist es, Beziehungen unter jungen Menschen auf- und Vorurteile abzubauen. Durch die Begegnung mit Jugendlichen der Gastgeberländer und gemeinsame Arbeitseinsätze vor Ort wird ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gefördert, das kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren überwindet. Bisher war der Friedensgrund in Polen, Russland, Tschechien, der Ukraine, Rumänien, Kroatien und Litauen zu Gast.

Im Jahr 2000 findet zum ersten Mal seit 10 Jahren wieder ein Friedensgrund in Deutschland statt. Auch der Ort ist ungewöhnlich: ein Zeltdorf im internationalen ökumenischen Jugendzeltlager YouthCamp2000 nahe Hildesheim. Auf die technische Unterstützung und besonders das legendäre Essen des Malteser Hilfsdienstes müssen die Jugendlichen in diesem Jahr dennoch nicht verzichten: Freiwillige der „Maltis“ versorgen die Teilnehmenden während der Arbeit mit kalten Getränken und nachts mit warmen Decken. Die Partnerschaft mit dem YouthCamp ist für beide Seiten ein Gewinn, das finden sowohl Kaplan Christian Göbel, der Leiter des Friedensgrundes, als auch Martin Tenge, Diözesan-Jugendseelsorger und Vorsitzender des Trägervereins YouthCamp2000: Während die Friedensgründler die Freizeitangebote und die Organisationsstruktur des Camps nutzen können, kommt das YouthCamp2000 in den Genuss prachtvoller byzantinischer und orthodoxer Messen und kann nicht zuletzt für sich verbuchen, dass in Gestalt von Bischof Josef ein Prominenter im Lager wohnt und sogar seinen 71. Geburtstag dort feiert. Auch Jugendbischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück und Bischof Eugenijus Bartulis aus Šiauliai/Litauen statten dem Friedensgrund einen Besuch ab.


Bischof Bartulis aus Litauen besucht die Jugendlichen bei der Arbeit

Tagesablauf

 

Der Tag beginnt und endet mit einem gemeinsamen Morgen- bzw. Abendlob, bei dem die Jugendlichen Lieder und Gebete in ihren jeweiligen Sprachen vortragen. Nach dem Frühstück steigen die multinationalen Kleingruppen dann in den Bus, der sie zum Arbeitseinsatz fährt. Mittags um 12 Uhr 15 findet ein Stundengebet gemeinsam mit den Schwestern in der Klosterkirche statt, danach geht es zurück ins Lager, wo schon die Malteser mit dem Essen warten. An den Nachmittagen laden auf dem YouthCamp-Gelände Workshops von Steilwandklettern bis Mandala-Malen zum Mitmachen ein, außerdem bietet sich die nahe gelegene Hildesheimer Altstadt für einen Einkaufsbummel an. Das Abendprogramm beinhaltet geistliche Angebote wie Messen in unterschiedlichen Sprachen und Riten sowie weltliche Ereignisse, beispielsweise die Friedensgrund-Jubiläumsparty mit den Ehemaligen.
 


Keine Berührungsängste: Jugendliche während der Arbeitspause im Gespräch mit einer Ordensschwester

 

Die Teilnehmenden aus Deutschland, Litauen, Rumänien, Ungarn, Kroatien, Serbien, Weißrussland und der Ukraine besuchen außerdem Städte im Bistum Hildesheim, um Gemeindeleben vor Ort kennen zu lernen. Begeistert zeigen sich die Gäste von der Fahrt zur EXPO nach Hannover. Auch Orte der jüngeren deutschen Vergangenheit wie das ehemalige Konzentrationslager Bergen-Belsen und das Grenzlandmuseum stehen auf dem Programm.

Gedanken in Bergen-Belsen
Als unser Bus sich dem ehemaligen Konzentrationslager nähert, erzählt eine Lehrerin aus Bergen Einzelheiten aus dem Lagerleben: Während die jüdischen Gefangenen in Baracken wohnten, waren die Völker des Sowjetreiches laut nationalsozialistischer Terminologie „Untermenschen“ und brauchten demzufolge keine feste Behausung. Die Stirn meiner litauischen Sitznachbarin umwölkt sich. Mit leiser Anklage in der Stimme fragt sie mich: „So, ich bin also ein Untermensch?!“ Ich versuche sie zu beschwichtigen. „Niemand denkt mehr so“, sage ich. „Hitler ist tot.“ Mir ist unbehaglich zumute. Wenig später stehen wir auf dem Lagerfriedhof und legen Blumen auf die Gräber. Vor über 50 Jahren wurden hier Menschen aus 20 europäischen Nationen gefoltert, hingerichtet, ermordet. Aus vielen dieser Nationen sind jetzt Jugendliche hier. Ich wage es nicht, ihnen in die Augen zu schauen. Müssen sie mich als Deutschen nicht für Abschaum halten?

In der Gedenkstätte sehen wir einen Dokumentarfilm über das Lager und sind erschüttert, was Menschen den Angehörigen anderer Nationalitäten, anderer Glaubensrichtungen, ja sogar den Angehörigen ihres eigenen Volkes angetan haben. „Nie wieder!“ hieß es damals. Doch erst vor zwei Jahren in Kroatien haben wir ähnliche Massengräber gesehen – und die waren noch frisch. Es nützt nichts, sich nur zu schämen. Frieden schaffen, Wege zur Versöhnung suchen, in unserer Zeit, dort wo es nötig ist – das ist die Aufgabe des Friedensgrundes!


Fassungslosigkeit auch über 50 Jahre danach: Totengedenken in Bergen-Belsen

 

Es ist Nacht geworden. Nur ein paar Kerzen erhellen den dunklen Kirchenraum, der von Taizé-Gesängen widerhallt. Aber selbst im flackernden Lichtschein sind deutlich die Tränen zu erkennen, die über manche Gesichter laufen. Mit einer Lichtfeier im Dom und dem gegenseitigen Segen nehmen die Jugendlichen Abschied voneinander. Doch der Trennungsschmerz wird von der Hoffnung auf ein Wiedersehen im nächsten Friedensgrund gelindert...

Sofern es die politischen Umstände zulassen, möchte Bischof Homeyer im kommenden Jahr einer Einladung nach Serbien folgen, um den Dialog mit der Orthodoxie zu vertiefen. Voraussichtlicher Termin ist die zweite Julihälfte 2001. Es werden wieder interessierte Jugendliche ab 16 Jahren gesucht, die vom Urlaub mehr erwarten als nur den ganzen Tag lang am Pool zu liegen.

Bernd Kappenberg