Friedensgrund 1999

in Tytuvenai / Litauen

“Aciu“ heißt Danke

"Noch 40 Zentimeter!" Knirschend fressen sich die Spaten in das harte Erdreich. In der flimmernden Augusthitze Litauens sind 120 Jugendliche damit beschäftigt, einen 200 Meter langen Graben auszuheben. Später sollen hier Stromkabel für das Kloster des Ortes verlegt werden. Staub und nass geschwitzte Kleidung können dem Arbeitseifer der jungen Menschen nichts anhaben, nur manchmal setzt jemand kurz aus, um einen Zug aus einer der bereitstehenden Wasserflaschen zu nehmen. Mittendrin, die Spitzhacke in den Händen, arbeitet der Hildesheimer Bischof Dr. Josef Homeyer. Der nunmehr 70-Jährige opfert wie bereits in den Vorjahren seinen Urlaub, um mit Jugendlichen in den "Friedensgrund" zu fahren.
Junge Menschen aus fünf Nationen – Deutschland, Litauen, Ungarn, Rumänien und der Ukraine – sind hier in Tytuvenai zusammengekommen, um zwei Wochen lang gemeinsam zu arbeiten, zu beten und einander kennen zu lernen.

Wie alles begann.
Auf einem internationalen Zeltlager in Bergen-Belsen im Sommer 1990 entstand die Idee, jährlich einen "Friedensgrund" durchzuführen. Dabei sollten gerade in Ost- und Mitteleuropa Länder besucht werden, die unter der nationalsozialistischen Besatzung gelitten haben. Die Jugend des Bistums Hildesheim und an ihrer Spitze Bischof Dr. Josef Homeyer will mit dieser Aktion um Verzeihung für die Untaten von Deutschen im 2. Weltkrieg bitten und gleichzeitig die neu gewonnenen politischen Möglichkeiten nutzen, um aktiv am Aufbau des neuen Europa mitzuwirken.
Durch die Begegnung mit Jugendlichen der Gastgeberländer und gemeinsame Arbeitseinsätze vor Ort wird ein Gefühl der Zusammengehörigkeit gefördert, das kulturelle Unterschiede und Sprachbarrieren überwindet. Bisher hat der Friedensgrund in Russland, Tschechien, der Ukraine, Rumänien und Kroatien stattgefunden.

Das Lagerleben
Der Tag beginnt morgens um sieben mit dem Schall von Daniels Trompete. Auch er ist bereits zum wiederholten Male dabei. "Alte Hasen" und "junges Blut" ergänzen sich bestens und tragen gemeinsam zum Gelingen des Lagers bei. Das gemeinsame Morgen- und Abendlob im Kirchenzelt rahmen den Tagesablauf ein. Für das leibliche Wohl sorgen Freiwillige des Malteser Hilfsdienstes, die auch für den Aufbau der Zeltstadt und der Sanitäreinrichtungen verantwortlich sind.

Vormittags wird an der Renovierung des Klosters gearbeitet. Heute sollen unter anderem drei Zisternendeckel aus Massivholz angefertigt werden. Letzteres fällt ins Ressort von Imke und Holger, die beide eine Tischlerlehre machen. Ob als Handwerker, Tanzlehrer oder Gitarrespieler – in diesem Lager kann jeder seine persönlichen Fähigkeiten und Stärken einbringen.
Der Nachmittag steht ganz im Zeichen der Erholung: Im Gemeinschaftszelt wird eifrig gebastelt, ein nahegelegener See lädt zum Baden ein. Wer möchte, kann auch an einem der zahlreichen Workshops zu Themen wie Spiel und Sport oder Bibelarbeit teilnehmen.

Meditation vor dem Küchenzelt
Abends findet dann meist eine Messfeier statt, jeweils in einer anderen Sprache. Besonders hat es den Jugendlichen der byzantinische Gottesdienst der Ukrainer mit ihren mehrstimmigen Chorgesängen angetan. Wenn sich im nur vom Schein der Kerzen erhellten Kirchenzelt die Stimmen aller zum Taizé-Kanon vereinigen, spürt man förmlich den Geist der Einheit, der in diesem Lager herrscht.
Geschichtliches
Am nächsten Morgen bekommt das Lager Besuch von einer Archäologin. Das litauische Denkmalschutzamt schickt bei jedem Erdaushub auf historischem Gelände eine Fachkraft, die etwaige Fundstücke sichern soll. Sie zeigt ihre Ausbeute. Viel hat sie heute nicht gefunden: eine russische Kopeke von 1869 und eine grün glasierte Kachel mit Vogelmotiv.

Das Kloster von Tytuvenai wurde in den Jahren 1614 – 1639 als Bernhardinerkloster erbaut und entwickelte sich infolge großzügiger Schenkungen zu einem eigenständigen Wirtschaftsbetrieb. Nach 1750 wurde die dreischiffige Marienbasilika barockisiert und zählt seitdem durch die Verbindung von Gotik, Renaissance und Barock zu den schönsten Kirchenbauten Litauens. Während der russischen Besetzung zur Zarenzeit wurde das Kloster geschlossen, die Mönche ließ man verhaften. Heute dient die Basilika als Gemeindekirche, das Kloster soll als Bildungshaus ausgebaut werden.
Land und Leute
Beim Blick aus dem Fenster des Autobusses erscheint Litauen weitläufig und fast unbewohnt. Vereinzelt stehen Holzhäuser inmitten kleiner, meist brachliegender Felder, ab und zu eine einzelne Kuh oder Ziege – undenkbar im dicht besiedelten Deutschland. Doch die Idylle trügt: Die meisten Menschen leben hier von dem, was Vieh und Garten hergeben. Viele Bauern haben Getreide an den Staat verkauft, ihr Geld aber bis heute nicht bekommen, so dass ihnen jetzt die Mittel für neues Saatgut fehlen. "Die Sowjetzeit hat die Leute verdorben", sagt Viktor, ein junger Litauer. "Jeder denkt nur an seinen eigenen Vorteil!" Wie in vielen Ländern des ehemaligen Ostblocks hat eine kleine Oberschicht aus der Umbruchssituation enormes Kapital geschlagen, während der Großteil der Bevölkerung von der Hand in den Mund lebt. Der Bettler neben dem Ferrari – ein Anblick von der Stadtführung, der den meisten im Gedächtnis bleiben wird.
Litauen in Stichworten:
Litauen gehört zusammen mit Estland und Lettland zur Gruppe der drei baltischen Staaten, die direkt an der Ostsee liegen. 1940 wurde das Land von der sowjetischen Armee besetzt und erlangte erst 1990 seine Unabhängigkeit wieder. Im Mai 1993 wurde Litauen in den Europarat aufgenommen.

Höhepunkte
Ein herausragendes Ereignis stellte sicherlich die Sonnenfinsternis am 11. August dar, die in Litauen besser sichtbar war als in manchen Gebieten Deutschlands.


An einem Abend kochten die Frauen des Dorfes für die Teilnehmer des Lagers gefüllte Kartoffelklöße, das litauische Nationalgericht. Beim Essen und dem anschließenden Beisammensein wichen bald die Berührungsängste zwischen der Bevölkerung und den Gästen

Weiter standen Ausflüge in die Hauptstadt Vilnius sowie an die Ostsee auf dem Programm. Auf dem "Berg der Kreuze", der nationalen Wallfahrtsstätte, haben die Jugendlichen ein selbst gezimmertes Kreuz aufgestellt, in das mehrsprachig die Worte eingraviert sind: "Christus einigt alle Herzen".

Viel zu schnell schlägt dann die Stunde des Abschieds. Binnen eines Tages ist die komplette Zeltstadt abgebaut und auf Lastwagen verladen. Abschiedsgeschenke werden verteilt und Adressen ausgetauscht. Die Jugendlichen sind sich einig: "Wir sehen uns nächstes Jahr in Hildesheim wieder!" Dort findet vom 1. Juli bis zum 31. August 2000 parallel zur EXPO unter dem Motto "Internationalität – Begegnung – Zukunft" das Youth Camp 2000 statt, welches von der evangelischen und der katholischen Kirche getragen wird.

Bernd Kappenberg