Friedensgrund / Weltjugendtage1997

Weltjugendtage in Paris vom 4. bis zum 25.8.1997

Die Champagne. Unendliche Landstraßen. Dies sind die Abenteuer der Jugendlichen aus der Diözese Hildesheim, die mit einer ca. 100 Personen starken Besatzung unterwegs waren, um dem Frieden auf den Grund, ihren Anführern auf den Leim und einander auf die Nerven zu gehen....

 

 

Wohldenberg
Gegen Abend des 4. August fanden sich die TeilnehmerInnen aus Deutschland, Tschechien und Rumänien auf dem Wohldenberg ein. In der Nacht trafen auch die Ukrainer ein, so daß am nächsten Morgen Kennenlernspiele in gemischtnationalen Gruppen stattfinden konnten. Am Nachmittag bestand Gelegenheit, im nahegelegenen Hildesheim noch rasch letzte Einkäufe zu tätigen. Später gab es eine Messe mit Bischof Homeyer, in deren Anschluß wir für das Foto der Kirchenzeitung posierten. Am Abend organisierten Andreas und Bernd eine Spontanparty, die von allen Nationen begeistert aufgenommen wurde (nur ein paar Uno-Fanatiker blieben fern...). Tags darauf wurde gemeinsam ein multinationales Wörterbuch erarbeitet, danach fand eine 14-km-Testwanderung statt, bei der wir uns im Gegensatz zum Vortreffen nicht kollektiv verliefen. Nachts um 2 ging es dann in die Busse.

 

Frankreich

Mehr oder weniger ausgeschlafen erreichten wir am nächsten Morgen Verdun. Da unsere Unterkunft erst gegen Abend ihre Pforten öffnete, nutzten wir die Gelegenheit zu einem Stadtbummel, gestärkt durch die Verpflegung aus dem Hause Bahlsen. Abends wurde kräftig aus den von Anne und Franziska eigens für die Fahrt hergestellten Liederbuchern gesungen, wenngleich ein heftiger Donnerschlag den Einsatz für den Refrain von Yellow Submarine versaute...

Samstag der 9. war unser erster Wandertag. Mit literweise Wasser und guten Karten (so glaubten wir) ausgestattet, traten wir den 32-km-Fußmarsch an.
Doch nachdem sich der angekündigte Badesee als Klärteich, der Forstweg als Moor und der Waldrand als Stacheldraht herausgestellt hatte und Agnes sich nur unter Verwendung einer höchst kleidsamen Herrenhose vor angriffslustigen Bremsen schützen konnte, als uns ein Straßenschild den falschen Weg wies und der Bulli seinen Posten verließ, da gingen uns dann doch das Wasser und der Mut aus.
Schließlich sammelte uns Christian als deus ex automachinavon der Straße.
War unsere erste Unterkunft noch ein "Villariba" gewesen, so konnte man die zweite nur noch als "Villabajo" bezeichnen: Uns diente als Schlafgelegenheit, was in besseren Tagen wohl mal das Dorftheater gewesen sein mochte.
Nach einer Messe und Problemen mit dem zeitweilig abgestellten Wasser zogen wir los zu unserem nächsten Ziel, ebenfalls ein Villabajo: eine Mehrzweckhalle ohne irgendwelche Badeseen in der Nähe. Zwecks Nahrungsaufnahme belagerten wir dann eine nahegelegene Pizzeria, bis der Teig alle war. Die bis zu anderthalb Stunden Wartezeit überbrückten wir durch frohe Gesänge aller Stilrichtungen, was allerdings den Zorn der örtlichen Gendarmerie auf sich zog...

Im nächsten Ort, der wieder etwas komfortabler ausgestattet war, frequentierten wir erneut das Schwimmbad, außerdem wurden Ulf, Heike und der Bischof vom Kirchenfunk interviewt. Frauen der Gemeinde kümmerten sich rührend um unser leibliches Wohl in Gestalt eines riesigen Kuchen- und Salatbuffets. Am folgenden Tag besichtigten wir einen russischen Soldatenfriedhof sowie eine orthodoxe Holzkapelle, anschließend lauschten wir der Übertragung des gestrigen Interviews. Zum Mittagessen gab es das Kindermenü einer Schnellimbißkette, danach machten wir die Innenstadt von
Châlons-sur-Marne unsicher. Neben der Besichtigung der wirklich beeindruckenden Stiftskirche Notre-Dame-en-Vaux gelang es mir, eine Flasche Mineralwasser mit Kohlensäure zu erstehen (wie halten die Franzosen das bloß aus, ihr ganzes Leben lang Leitungswasser zu trinken?). Außerdem stellten wir noch den Tagesrekord im  Extreme Bullifahringauf (21 Personen incl. Fahrer).

Der nächste Tag brachte uns endlich ins Herz der Champagne. Nach der obligatorischen Sektprobe übernachteten wir in einem Weinarbeiterheim mit entsetzlich quiekenden Betten. Vorher fand noch ein ukrainischer Gottesdienst statt, in dessen Verlauf wir in Ermangelung echter Blumen als Blumen des Volkes geweiht wurden.
Pikanterweise hatte der Geistliche vorher über die ukrainische Tradition berichtet, daß junge Mädchen geweihte Blumen zu Tee verarbeiten, um einen schönen Mann zu bekommen.
Schließlich einigten wir uns darauf, nur häßliche Männer und Priester (da nicht heiratsfähig) abzukochen.

Am letzten Tag der Wanderung sollten wir mit den Franzosen, um die wir uns vermehrt hatten, über die Voraussetzungen für ein vereintes Europa diskutieren.
Unsere Vorstellungen waren da ganz klar:

1. Mineralwasser mit Kohlensäure
2. Schwarzbrot statt Baguettes
3. Papierkörbe aufstellen
4. Bäume an die Straßen (wegen Schatten)
5. vernünftige Toiletten
6. Recycling statt Müllverbrennung

Reims

Nach einer ungarischen Messe ging es dann in die Gastfamilien, die sich in den folgenden Tagen redlich um uns bemühten. Sie wuschen unsere Wäsche, versorgten uns mit Proviant und fuhren uns zu sämtlichen Besichtigungen. Besonders beeindruckt hat mich persönlich die mächtige Kathedrale mit dem berühmten Lachenden Engel und der Unmenge an bizarren Wasserspeiern, die sich beim Spektakel Taufe des Chlodwig in eine einzigartige Skulptur aus Licht, Klang und Sandstein verwandelte.

Auch ein Besuch in einer Champagnerkellerei stand auf dem Programm, wobei einige wohl, ihrer Kleidung nach zu urteilen, nicht mit den winterlichen Temperaturen in den Kellern gerechnet hatten. Viele von uns fanden sich in der neusten Ausgabe der Zeitung wieder.

Der zweite Teil unseres Reimser Aufenthaltes bescherte uns einen zugigen, gekachelten Keller als Schlafplatz neben sanitären Anlagen, bei denen so gut wie alles fehlte. Essen gab es in der Mensa am anderen Ende der Stadt, wo uns ein Gitarren-Barde aufzuheitern versuchte. Für besondere Heiterkeit sorgte allerdings das Programm, das in einem derart konfusen Deutsch geschrieben war, daß man höchst unanständige Sachen herauslesen konnte. Daß wir in einem Nachtlokal untergebracht würde, ließe sich ja noch hinnehmen, selbst wenn dort Wedu geraucht wird, aber was sind Teilznchuren und warum sollten wir Zeugende aus aller Welt sehen...?

Nachdem wir den Vormittag bei einem Diskussionsforum zu verschiedenen Themen verbracht hatten, stiegen wir in den Zug nach...

 

Paris

Ein paar La-Ola-Wellen später erreichten wir dan Bahnhof Gare du Nord, wo uns ein Trupp Eichsfelder erwartete. Wir erhielten magische Fahrkarten, die uns jede Barriere öffneten, und machten uns auf den Weg nach Aulnay-sous-Bois, ein Kaff am Ende der Welt. Die Zeit in Paris nutzte jedeR gemäß seinen/ihren Neigungen für Katechesen, Besichtigungen, Museumsbesuche, Einkäufe etc. Für die deutschen TeilnehmerInnen gab es eine Extraveranstaltung mit Jugendbischof Bode, in deren Verlauf das Musical "Daniel" aufgeführt wurde.

Höhepunkt des Ganzen waren natürlich die Messe mit dem Papst auf der Pferderennbahn von Longchamp. Nachdem Andrea Bocelli für den Papst gesungen hatte, fand zunächst eine Lichtfeier statt, an deren Ende sich ein gigantischer Lichtdom über dem Altar erhob, während unten ein Meer von Kerzen glänzte...

Als wir uns am nächsten Morgen aus den Schlafsäcken geschält hatten, war es schon bald Zeit für die Messen an der Presseberichten zufolge 1,2 Millionen Pilger teilnahmen - man fühlte sich "wie in Woodstock". Nach der Messe ging es schnell zurück in die Unterkunft, denn die Stunde der Abfahrt nahte.

Auf einer belgischen Autobahnraststätte nahmen wir noch eine Mahlzeit ein, danach erreichte unser Bus am 25.8. um 5.15 Uhr wohlbehalten den Wohldenberg. Nun gab es Tränen des Abschieds, denn hier trennten sich die Wege von Deutschen, Tschechen, Ukrainern und Rumänen. Adressen und kleine Geschenke wurden ausgetauscht, und immer wieder hörte man hoffnungsvoll sagen

"Vielleicht treffen wir uns ja nächstes Jahr wieder!"

 
Bernd Kappenberg