Friedensgrund 1994

Tschechien (Tepla bei Pilsen)

"Ich möchte beim Frieden mithelfen"
Die Wallfahrt "Friedensgrund" wird wieder für viele Jugendliche zu einem Erlebnis

 


Stilles Gedenken an vergessene Tote: Bischof Josef legte gemeinsam mit den Jugendlichen deutsche Gräber auf dem Friedhof einer tschechischen Gemeinde wieder frei.

Mannshoch wächst das Unkraut auch dem Friedhof von Ovesne Kladruby. Vier Jugendliche rüsten sich gemeinsam mit Bischof Josef Homeyer mit Hacken, Harken und einer Sense aus und rücken gegen das Grün vor. Plötzlich ist an der Friedhofsmauer ein Grabstein zu sehen. Der Bischof wischt mit dem Handschuh über den Marmor, goldene Schrift taucht auf. "Ruhestätte der Familie Pötzl" ist zu entziffern, und ein Datum: 30. April 1933". Deutsche Gräber auf dem Friedhof einer tschechischen Gemeinde im Sudetenland. Die Grabsteine erinnern daran, daß in dieser Gegend einst Deutsche lebten. Nach dem Krieg wurden sie vertrieben.

 

 

 

Eigentlich sollten die Jugendlichen an dieser Kirche nur ein wenig aufräumen. Im Pfarrgarten liegen Steine herum. Ein paar Handgriffe, und alles könnte gleich viel schöner aussehen. Doch dem Bischof läßt sein Fund am Rande des Friedhofs keine Ruhe. Die Gruppe sucht weiter und stößt auf immer neue Grabsteine, die teilweise schon tief in den Boden eingedrückt worden sind. An diesem Tag wird die am Morgen im Lager ausgegebene "Order" geändert: Die Säuberung des Friedhofes wird zu einem neuen Schwerpunkt des "Friedensgrundes ´94".

Wie in den vergangenen Jahren machten Jugendliche aus dem Bistum Hildesheim gemeinsam mit ihrem Bischof mit einer Wallfahrt Station in Osteuropa. 1990 wurde im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen mit einer Begegnung europäischer Jugendlicher der Grundstein für die Aktion "Friedensgrund" gelegt. Vor zwei Jahren hatte eine Gruppe beim Wiederaufbau des Klosters Mojaisk bei Moskau geholfen, in diesem Jahr ist das Kloster Tepla bei Marienbad das Ziel. Das zerfallene Prämonstratenser-Kloster bildet im vor einem Jahr errichteten Bistum Pilsen einen geistlichen Mittelpunkt. In dem Gebäude selbst gibt es aber für die aus Deutschen, Tschechen und Ukrainern bestehende 100köpfige Gruppe nicht genug Arbeit. So ziehen die Jugendlichen in kleinen Gruppen auch in die Umgebung, säubern Kirchen und Pfarrgärten und lernen sich bei der Arbeit näher kennen.

 

 

Mit Atemschutz auf den Kirchturm
Christiane Gburek aus Sarstedt ist mit ihrer Gruppe an diesem Morgen auf den Kirchturm von Utery geklettert. Jahrelang waren die Fenster des Turms kaputt. Tauben und andere Vögel hatten ungehinderten Zugang und haben viel Dreck hinterlassen. Mit einer Maurerkelle kratzt Christiane den Vogeldreck aus den Ritzen zwischen den Holzplanken. Vier große Papiersäcke voll sind an diesem Morgen schon zusammengekommen. Über die enge Wendeltreppe, die in den Turm führt, müssen sie ins Freie geschafft werden. Christiane trägt wie die anderen einen Atemschutz, denn wenn einer der Jugendlichen zum Besen greift, um den Dreck zusammenzukehren, dann lassen sich die übrigen Gestalten im Staubnebel nur noch schemenhaft ausmachen.


Mit einer Maurerkelle kratzt Christiane Gburek den Dreck aus den Ritzen im Kirchturm von Utery.

Auch wenn die Arbeit recht hart ist, sind die Jugendlichen doch mit Feuereifer bei der Sache. "Es ist schön, daß ich beim Frieden mithelfen kann", freut sich Christiane. Auch darüber, daß sie Freunde gefunden hat unter den Tschechen. "Und das, obwohl die Verständigung gar nicht so einfach ist." Einige der Tschechen beherrschen ein paar Brocken Deutsch, manchmal hilft man sich mit Englisch weiter. "Irgendwie klappt das immer", sagen die Teilnehmer.

Daniel-Stefan Krage aus Harsum greift im Pfarrgarten von Vidzin entschlossen einen dicken Ast, den einer der Tschechen mit einer Motorsäge entfernt hat. Als die Jugendlichen mit der Arbeit hier anfingen, da sah der Garten aus wie ein Urwald. "Wir haben viel geschwitzt und gearbeitet", erzählt Daniel. "Es macht mir Spaß, mit den tschechischen Freunden solche Arbeiten zu machen, die ich auch von zu Hause gewöhnt bin." Die Gruppe sammelt das Grünzeug auf einem großen Haufen, um es dann zu verbrennen.


Sechs Leute und eine Schubkarre: Im Garten des Klosters Tepla räumen Jugendliche aus Deutschland, Tschechien und der Ukraine Unrat beiseite und verbrennen das Grünzeug auf einem großen Haufen.
Nach vier Tagen die ersten Erfolge
Manchmal haben die Jugendlichen angesichts der vielen Aufgaben rund um das Kloster das Gefühl, ihre Arbeit könne nur ein Tropfen auf dem heißen Stein sein. "Aber nach drei oder vier Tagen sieht man dann schon Erfolge und daß man etwas geschafft hat. Das ist ein positives Gefühl", beschreibt Thomas Pohlmann aus Hannover. Für die Organisatoren steht die Arbeit beim Friedensgrund bei allem Nutzen aber auch gar nicht so sehr im Mittelpunkt. Sie sei viel mehr Mittel zum Zweck, nämlich der Begegnung, sagt Pfarrer Wolfgang Voges, der noch als Diözesan-Jugendseelsorger die Wallfahrt nach Tschechien mit vorbereitet hat. Und Gespräche bleiben in den kleinen Arbeitsgruppen natürlich auch nicht aus.

 

 

"Wie sind die Lebensverhältnisse zu Hause oder in der Schule, welche Hobbys haben die anderen, wie sieht ihr Alltag aus?" Das seien Themen, die zur Sprache kämen, sagt Thomas Pohlmann. Anders sieht es da beim Rückblick in die Geschichte aus. "Das wird oft ausgeklammert", hat er beobachtet. Doch ob Morgenrunde, Abendgebet oder gemeinsame Freizeit: "Die Tschechen machen alles begeistert mit", freut sich Daniel-Stefan Krage.

"Ihren" Bischof lernen die Jugendlichen in diesen Tagen von einer oft unvermuteten Seite kennen. Problemlos kommen sie mit ihm ins Gespräch, was manchen verwundert. Ebenso, daß der Bischof bei der Arbeit selbstverständlich mit anpackt. Für Wolfram aus Göttingen ist diese Erfahrung allerdings nicht neu. Er war schon beim "Friedensgrund" in Mojaisk [bei Moskau] dabei und hat mit Bischof Josef Seite an Seite geschuftet.

Mittags sieht man dann 100 müde Gesichter im Restaurant des Klosters Tepla, wo die jungen Arbeiter verpflegt werden. Am Nachmittag wartet ein kulturelles Angebot auf sie. Heute geht es in Bussen in die benachbarte Bischofsstadt Pilsen zu einem Besuch im Dom und dem Generalvikariat, wo knapp 20 Mitarbeiter beschäftigt sind. Zum Vergleich: Auf dem Hildesheimer Domhof sind es rund 250. Anschließend steht eine Besichtigung in der traditionsreichen Brauerei von Pilsen auf dem Programm. "Das darf in dieser Stadt einfach nicht fehlen", lächelt Hans-Jürgen Marcus vom Hildesheimer Jugendreferat, das den "Friedensgrund" veranstaltet.

 


Besuch in der berühmten Brauerei von Pilsen. Da nimmt auch Pfarrer Wolfgang Voges gerne einen kühlen Schluck.


Kulturprogramm: In einem Garten nahe Pilsen hat ein Tscheche einen in Stein gehauenen Kreuzweg aufgestellt und dem Bistum geschenkt. Die Jugendlichen feiern eine Andacht.
   

 

 

Auch in Lemberg wartet viel Arbeit Prominente Gäste sehen im Camp der Jugendlichen auch vorbei. Erzbischof Miloslav Vlk, Vorsitzender der tschechischen Bischofskonferenz, und der Pilsener Bischof Frantisek Radkovsky zum Beispiel.
Zurück auf den Friedhof von Ovesne Kladruby: Dem Bischof und den Jugendlichen ist klar, daß ihre Entdeckung nicht ohne Brisanz ist. Ein verwahrloster Friedhof - diese Neuigkeit könnte bei den vertriebenen Deutschen alte Wunden wieder aufreißen. Bischof Radkovsky gibt eine Erklärung: Nach dem Krieg hätten viele Dörfer über Jahre leergestanden. Als sie wieder besiedelt wurden, seien die Grabsteine oft schon unter Unkraut verschwunden gewesen. Bischof Josef ist es deshalb ein Herzensanliegen, hier zu helfen. Vielleicht, so überlegt er, könnte im nächsten Jahr wieder eine Mannschaft aus jungen Deutschen nach Tschechien reisen, um wenigstens einige Friedehöfe im Sudetenland zu pflegen. Der "Friedensgrund ´95", so viel steht schon fest, wird in die Ukraine führen. Rund um Lemberg wartet viel Arbeit.
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Matthias Petersen
Fotos: Matthias Petersen


Quelle:Archiv der KirchenZeitung, Jahresband 1994 (Ausgabe vom 28. August 1994)