Friedensgrund 1992

Der Bischof rückt den Helm zurecht und packt mit an
Mit 80 Jugendlichen zum "Friedensgrund 1992" nach Moskau

Im Zeltlager kamen sich die deutschen und russischen Jugendlichen näher. Der Wohlstand des Lagers war in den Augen der Einheimischen nicht - wie zunächst befürchtet - ein Stein des Anstoßes
Sommer in Mojaisk. Strahlend blau ist der Himmel über der Moskwa, die sich gemächlich durchs Tal schlängelt. Eine kleine Horde Pferde trabt hinunter zum Fluß. Eiliger als sonst. Aufgeschreckt vom Lärm im Kloster, das wie eine mittelalterliche Festung über dem Fluß thront. Das Kloster von Mojaisk erwacht aus einem fast siebzigjährigen Dämmerschlaf.
   

Junge Leute bahnen sich mit Spaten und Sense Wege durch das mannshohe Unkraut. Bischof Josef hievt Eisenträger auf seine Schubkarre, rückt den Schutzhelm zurecht und transportiert eine Last über den staubigen Klosterhof. Im Torhaus hagelt es Betonsplitter, Kalk staubt hoch, mehlt die Arbeiter ein, die da mit Blaumann, Schutzhelm und Arbeitshandschuhen im Dreck stehen.


Hitze, Staub und jede Menge Arbeit.
Trotz alledem: Bischof Dr. Josef Homeyer (links) packt kräftig mit an.

"Alles riesig, nichts klappt"

 



2000 Kilometer weit sind sie gereist, diese Arbeiter: Jugendliche aus dem Bistum Hildesheim und die Freunde des Klosters Meschede im Sauerland. Die Entrümpelung des Klosters, die Begegnung mit russischen Jugendlichen - das ist das Ziel des "Friedensgrundes 1992". Es ist die Begegnung zweier Welten. Die Sprache - eine Barriere. Die Kultur der Deutschen, ihre Weltoffenheit - für die Russen unverständlich, manchmal auch befremdlich.

 

Doch Nadja und Eugenia vermitteln nach beiden Seiten. Die beiden Studentinnen von der Uni Moskau helfen den jungen Deutschen sicher durch alle Klippen ihres Gastlandes. Eugenia erzählt in mühelosem Deutsch von russischer Geschichte. Geht durch den Kreml und zeigt die größte Kanone der Welt - aus der nie geschossen wurde - erzählt von der größten Glocke - die nie geschlagen hat - und erklärt lapidar: "So sind wir: Alles riesenhaft, aber nichts funktioniert."

 

Vor dem Prachtbau der Moskauer Universität erzählt Nadja vom Studentenleben. 700 Rubel bekommt sie pro Monat als Stipendium. Umgerechnet sind das nicht einmal zehn Mark. "Wie wir überleben?", fragt Nadja. "Eigentlich weiß ich es selber nicht."

 

Die Fahne Rußlands, die über dem Kreml weht, ist nicht mehr als eine winzige Hoffnung auf bessere Zeiten. Das Leben ist freier, aber unsicherer geworden. Die Geschäfte sind leer, Waren gibt es fast nur im Tausch oder gegen harte Währung. Wer Dollar und D-Mark in der Tasche hat, der kann sich im Kaufhaus Gum eindecken. Doch die große Mehrheit muß sich mit dem Staunen über das reichhaltige Warenangebot begnügen.

 

"Seid nicht überheblich, nicht arrogant!" Das hatte Josef Homeyer, der Bischof von Hildesheim, den Jugendlichen ans Herz gelegt. In Moskaus einziger offener katholischer Kirche, gleich gegenüber dem KGB-Gebäude, feiert er mit den Jugendlichen einen Gottesdienst der besonderen Art. Eine Unterweisung in Sachen russisch-deutscher Begegnung. "Hört hin, wenn die Russen erzählen! Mit unserer teutonischen Überheblichkeit machen wir ihnen nur Angst."



Langsam weicht die Scheu

 

Von Besserwisserei ist bei den Jugendlichen nichts zu spüren. Sie mokieren sich nicht über verfallene Häuser, sie mäkeln nicht am russischen Essen, sie beklagen sich nicht über den ätzenden Chlorgeschmack des Wassers. Bei jedem Mangel heißt es einfach: "Ist eben nicht Deutschland. Macht nichts."

 

Alexander, der Lehrling aus Moskau, ist erstaunt über die Deutschen. "Sie sind so frei, so ohne Komplexe!", wundert er sich. "Je länger ich hier im Zeltlager bin, desto mehr fühle ich mich hier frei." Mit 15 Tonnen Ausrüstung ist der Malteser Hilfsdienst nach Mojaisk gekommen: mit Zelten, Feldküche, Proviant und jeder Menge Werkzeuge. "Das hätten wir nie geschafft", sagt Nadja bewundernd. Die Sorge der Deutschen, daß die Russen vielleicht angewidert sein könnten vom Wohlstand eines deutschen Zeltlagers, ist längst vergessen. Eine andere Sorge dagegen ist die Arbeit am Kloster. "Ist das denn überhaupt sinnvoll, was wir hier tun?", fragt sich Thomas am Ende eines langen Arbeitstages. "Was wird denn aus dem Kloster, wenn wir weg sind?"

 

"Jetzt brauchen wir die Jugend"

Doch Eugenia beruhigt. "Nach euch kommen andere Gruppen, die hier weiterarbeiten. Das Kloster wird nicht wieder verfallen", sagt sie energisch. "Ihr seid die Bahnbrecher! Wenn Menschen hierher kommen, mit uns leben, mit uns arbeiten, dann können wir es schaffen," sagt sie und meint den Aufbruch der Kirche in Rußland. 70 Jahre währte die Unterdrückung, jetzt atmet sie Morgenluft. Vater Sergej, der im Lager mit anpackt, glaubt fest an die Regeneration seiner russisch-orthodoxen Kirche. "Jetzt brauchen wir die Jugend, damit die Kirche weiterleben kann." Und die Jugend soll einziehen in das Kloster von Mojaisk. Ein Bauernhof soll entstehen, ein Ausbildungszentrum, ein neuer Mittelpunkt für die Gemeinde. Vater Sergej ist optimistisch: "Im nächsten Sommer bauen wir!"


Quelle: Archiv der KirchenZeitung, Jahresband 1992, Ausgabe vom 2. August