Friedensgrund 1990

Schritte der Versöhnung in Bergen-Belsen


Internationale Jugendgemeinschaft im "Friedensgrund 1990" Erschöpft sitzen sie in dem riesigen Zelt, suchen Schutz vor der Sonne und versuchen mit Wasser, Kaffee und Sprudel den Durst zu löschen. Hier und da versorgen einige ihre Wunden und Blasen an den Füßen mit Salbe, wird Sonnenmilch in die geröteten Gesichter gecremt. Die 200 Jugendlichen haben das Ziel ihrer Wallfahrt erreicht: Nach einer Woche sind sie im "Friedensgrund" in Bergen-Belsen angekommen. Einem Zeltlager unmittelbar neben dem ehemaligen Konzentrationslager.

 

Von Neuengamme, Göttingen, Salzgitter sowie aus Sachsenhausen und Nordhausen in der DDR waren sie gestartet, legten jeden Tag rund 25 Kilometer auf ihrem Weg nach Bergen-Belsen zu Fuß zurück. Von ihren Gesichtern ist neben der Anstrengung auch die Betroffenheit über die Begegnung mit der Geschichte abzulesen. An der sogenannten Verlade-Rampe, von wo aus die Häftlinge damals ins KZ gebracht wurden, hatten sich die Jugendlichen mit den im "Friedensgrund" lebenden Teilnehmern einer "Kommunität auf Zeit" getroffen. Gemeinsam waren sie dann in einem Schweigemarsch zum Obelisk des KZ-Geländes gegangen.

 

Unter ihnen Polen, zwei von ihnen haben das Grauen der Nazizeit in Bergen-Belsen am eigenen Leib erfahren, sind vor 45 Jahren den Weg von der Rampe ins Lager gegangen. Anna Siekierska zeigt die Nummer, die in ihren Arm tätowiert ist. Gestapo-Haft, dann fast zwei Jahre in Auschwitz-Birkenau. Mitte Januar 1945: Die letzten Häftlinge werden aus Auschwitz evakuiert. Drei Tage und drei Nächte Fußmarsch, dann der siebentägige Transport im offenen Kohlenwagen nach Bergen-Belsen. Schnee und Kälte, kein Essen, erinnert sie sich. Eugerd Michael Schäfer aus Posen kam im März 1945 ins Lager, jeder fünfte Häftling hatte den Transport nicht überlebt.

 

Ihre Erinnerung an die Greuel der Nazi-Herrschaft wollen Anna Siekierska und Eugerd Michael Schäfer an die Jugendlichen im Friedensgrund weitergeben. "Es hat mich tief beschämt, als sich die zwei an der Rampe für unseren Weg nach Bergen-Belsen bedankten", sagt Patricia von Kurzynski, die von Nordhausen aus den Weg zum Lager mitgegangen ist. So wie Patricia ist auch den anderen im Zelt die Bedrückung anzumerken. Medien und Schule können zwar sensibel machen für das Leid an diesem Ort, aber die Erzählungen der Betroffenen gingen unter die Haut, meint einer. Die 24jährige Polin Alina Stepien ist erschüttert über das, was sie zuvor auf dem Gelände erlebt hat. "Ich konnte mich ´reinfühlen, wie es damals hier für die Gefangenen gewesen sein muß", sagt sie leise. "Wie unendlich lang muß der Weg von der Rampe zum KZ-Gelände gewesen sein".

 

Themen wie Recht und Unrecht, Gleichgültigkeit und Verantwortung waren in der Gruppe von Patricia täglicher Gesprächsstoff. Warum sie an der Wallfahrt teilgenommen hat? "Um auch nach außen Widerstand zu zeigen gegen Ausländerfeindlichkeit und Nationalsozialismus".



"Die Jugend stellt sich der Geschichte"
Bereits vor vier Jahren hatte Bischof Dr. Josef Homeyer den "Friedensgrund 1990" angeregt. Der Weg zu dem geschichtsträchtigen Ort sollte dazu beitragen, Vergangenheit wachzuhalten, aber auch Mahnung an die Gegenwart sein und Anlaß für konkrete Schritte der Versöhnung in der Zukunft bieten. Im Vorfeld hatte der Bischof "ein bißchen Angst", wie er sagt, ob die Jugendlichen mit dieser Problematik überfordert seien. Nachdem er sie acht Tage lang auf ihrem Weg nach Bergen-Belsen begleitet hat, stellt er fest: "Die Jugendlichen stellen sich der Geschichte und wollen aus der Vergangenheit Konsequenzen ziehen".

 

Trotzdem ist an diesem Nachmittag die Stimmung im "Friedensgrund" nicht nur gedrückt. Gitarrenklänge und Gesang sind zu hören. Die Wallfahrer tauschen Erfahrungen aus mit denen, die 14 Tage hier gelebt haben. In einem sind sich die rund 300 überwiegend jungen Leute einig: Die Zeit war von Gemeinschaft geprägt. "Zwar war die Nähe zum ehemaligen KZ oft bedrückend, aber auch Schönes haben wir hier erlebt", sagt Christiane Prause, eine der 80 aus der Kommunität auf Zeit. Gemeinsam wurden ein Wandbehang gewebt, bunte Wollfäden geknüpft: Halsbänder als Willkommensgeschenk für die Wanderer und Zierde des selbstgemachten Holzkreuzes, das auf dem Schweigemarsch mitgetragen wurde. Für das Kreuz im Zelt der Stille sammelten sie Blumen und Birkenzweige, um es für Meditationen und Ruhe zu schmücken. Ort der Muße neben den morgendlichen Veranstaltungen mit Referaten.

 

"Friedensgrund: Vergangenheit - Gegenwart - Zukunft"

...war das Motto der thematischen Arbeit der Teilnehmer am Friedensgrund 1990. Mehrere Referenten waren dazu eingeladen.

"Neben den Zigeunern sind Türken und Asylbewerber für viele die Sündenböcke der heutigen Zeit", sagt Hans Josef Klein, Beauftragter der Deutschen Bischofskonferenz für die Zigeuner- und Nomadenseelsorge. "Eine gründliche Auseinandersetzung mit der Kultur des Fremden findet kaum statt. In der bundesdeutschen Bevölkerung gibt es starke Vorurteile gegenüber Sinti und Roma".
"Es ist notwendig, die eigene Identität im jüdischen sowie im christlichen Glauben zu wahren und zu pflegen", sagte der Landesrabbiner von Niedersachsen, Henry G. Brandt. "Eine Vereinigung dieser beiden Religionen ist nicht absehbar, zumal jede Seite dabei an Substanz verlieren würde".
"Die Mehrzahl der Deutschen und der ausländischen Arbeitnehmer haben immer noch die Illusion, daß die 'Gastarbeiter' eines Tages nach Hause gehen werden. In der offiziellen Ausländerpolitik spiegelt sich bis heute diese Illusion wieder, denn es wird nicht akzeptiert, daß die ehemals angeworbenen ausländischen Arbeitnehmer Bestandteil unserer Gesellschaft sind und es auf Dauer sind", sagte Gabriele Erpenbeck, Ausländerbeauftragte des Landes Niedersachsen.

 

Für Bischof Homeyer war das Erlebnis der Gemeinschaft "eines der wertvollsten Geschenke dieser Wallfahrt". "Die Jugend ist anders, als sie in der Öffentlichkeit immer dargestellt wird. Sie ist nicht egoistisch", erzählt er und nennt Beispiele: Für das Mittagessen auf der Wanderung wurde gemeinsam gesorgt. Auch wenn es manchmal etwas knapp wurde. Teilen war selbstverständlich. Die Behinderten in der Gruppe wurden rührend umsorgt. "Die Jugendlichen haben das Thema dieser Tage, Frieden und Versöhnung, in die Tat umgesetzt", lobt er und bedauert es ein wenig, daß die letzten Tage im Friedensgrund zu kurz waren, um sich besser kennenzulernen.

 

Der Benediktiner Bruder Henryk findet es "erstaunlich, daß so viele Leute aus verschiedenen Ländern so harmonisch miteinander umgehen". Franzosen, Polen und Georgier waren im Friedensgrund zu Gast. Für die nächste Jugendwallfahrt der Diözese Hildesheim steht das Ziel schon fest: Beim Abschlußgottesdienst luden die jungen Polen spontan zur Wallfahrt nach Tschenstochau im nächsten Jahr ein. (ibu)

Quelle: Archiv der KirchenZeitung, Jahresband 1990